Humboldt Universität zu Berlin
Institut für Sozialwissenschaften
Seminar: Von der Erwerbs- zur Tätigkeitsgesellschaft? Zum Wandel von Arbeit, Organisation und Geschlechterverhältnissen
Prof. Dr. Hildegard Maria Nickel
  3.12.2001  
  Referat: Migrantinnen auf dem deutschen Arbeitsmarkt im Kontext der Globalisierung  
  Hanna Keller / Christina von Rotz  
     
  Einleitung  
     
  Wir haben dieses Thema selbst eingebracht, weil uns in der bisherigen Diskussion die Einbeziehung von Migration und deren Auswirkungen auf den deutschen Arbeitsmarkt sowie den Wandel von Arbeit, Organisation und Geschlechterverhältnissen fehlte.
Die Betrachtungen der Erwerbsbevölkerung und die Veränderungen der Geschlechterordnung auf dem deutschen Arbeitsmarkt sind undifferenziert und unvollkommen, bezieht man nicht mit ein, dass hier auch Nicht-Deutsche ihre Arbeitskraft anbieten und sich darüber (innerhalb der und über die Geschlechterverhältnisse hinaus) ein komplexes Gefüge von Privilegien und Ungleichheiten, also von Machtverhältnissen ergibt.
(Z.B. wurde auch nie die Frage gestellt, ob z.B. ein wie auch immer geartetes BürgerInnengeld an Staatsangehörigkeit gekoppelt wäre...) Wichtig ist uns also nicht allein die Frage nach den Veränderungen der nationalen Geschlechterordnungen, sondern ebenfalls die nach den Ungleichheiten innerhalb der Kategorie ‚Frau' im nationalen wie im internationalen Rahmen, die sich durch Prozesse der Internationalisierung der Ökonomie sowie Prozesse der Migration ausdifferenzieren und verfestigen.
 
     
     
  Gliederung des Referats  
     
 

Zusammenhang Migration und 'Globalisierung'
Feministische Migrationsforschung / 'Feminisierung' der Migration
Situation von MigrantInnen auf dem deutschen Arbeitsmarkt
Statistiken zur Beschäftigungssituation der AusländerInnen
Einwanderungen in die Bundesrepublik (Statistiken)
Erwerbstätigkeiten / Arbeitslosigkeit (Statistiken)
Bildungsaufstieg
Dreifache Vergesellschaftung der Migrantinnen
Lösungsvorschläge
Schlussbemerkung

 
     
     
  Zusammenhang Migration und 'Globalisierung'  
     
 

Der ökonomische Strukturwandel, dessen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt wir bisher analysiert haben, steht in Zusammenhang mit dem, was gemeinhin als ‚'Globalisierung' beschrieben wird. Zugleich besteht ein Zusammenhang zwischen der ökonomischen ‚'Globalisierung' (der Integration von zunehmend mehr Ländern in die globale kapitalistische Ökonomie und der Desintegration einiger Regionen im Laufe dieser neuen Ordnung) und wachsenden Migrationsbewegungen; diese werden zusätzlich begünstigt durch die globale Vernetzung auf dem visuell-medialen Markt und die vereinfachten Transport- und Kommunikationsmöglichkeiten. Es muss jedoch angemerkt werden, dass trotz der Liberalisierung von Kapital- und Güterverkehr, sowie einer zunehmenden Freizügigkeit in der Bestimmung der Reise- und Niederlassungsorte für privilegierte westliche Mittelschichten, für Menschen aus den südlichen Kontinenten und osteuropäischen Ländern die legale Einreise in die hochindustrialisierten Länder und die dortige Niederlassung zunehmend erschwert bis verunmöglicht wird.
(Stichwort ‚Festung Europa' oder auch Grenze zwischen USA und Mexico); Dennoch findet Migration statt, suchen und finden Menschen Wege in Länder, in denen sie sich bessere Lebensbedingungen erhoffen, wenn auch oft unter schweren Voraussetzungen.
Dies ist auch im Sinne des globalen kapitalistischen Systems, das nicht nur zwischen den einzelnen Wettbewerbsstaaten sondern auch innerhalb derselben auf einer internationalen - rassistischen und sexistischen - Arbeitsteilung stark basiert. So kommt es über Zuwanderungsbewegungen und die fortschreitende Ausdifferenzierung des Arbeitsmarktes in den hochindustrialisierten westlichen Ländern zu einer neuen internationalen Arbeitsteilung, zu einer Ordnung von Privilegien und wachsenden Ungleichheiten zwischen Menschen - und das wollen wir hier vor allem betrachten: Frauen - verschiedener Herkunft und Schichten.
Die Segmentierung des Arbeitsmarktes verläuft immer stärker entlang ‚ethnischer' Trennlinien: So sind in hohem Maße MigrantInnen diejenigen, die die im expandierenden geringbezahlten Dienstleistungs- und informellen Sektor arbeitenden ‚working poor' und eine neue "Klasse von Bediensteten" bilden. (Sassen)
Die Ausdifferenzierung des Arbeitsmarktes in hochbezahlte Bereiche der modernen Informationsökonomie einerseits und den expandierenden informellen Sektor der labouring poor auf der anderen Seite führt zu einer Polarisierung der Lebenslagen von Frauen und zu neuen Machtkonstellationen: der wachsende Markt gering bezahlter Dienstleistungstätigkeiten v.a. in den Metropolen ermöglicht zumeist weißen sozial privilegierten Frauen den Einzug in die männerdominierte Berufswelt, indem aus anderen Schichten stammende Frauen und besonders häufig Migrantinnen sie durch die Beschäftigung im Bereich der Hausarbeit von der Reproduktionsarbeit freisetzen.
Brigitte Young spricht von einer "neuen internationalen Arbeitsteilung zwischen der ‚Herrin' und der meist aus einer anderen Klasse oder ‚Ethnie' stammenden ‚Dienstbotin'". Die beruflichen Karrieren von Frauen in den westlichen Industrieländern seien somit "nur in den Grenzen von Ethnizität, Klasse und Geschlecht zu realisieren". (S.191)

Auch Rodriguez betont, dass Geschlechtskonfigurationen nicht nur auf Grundlage des Geschlechterverhältnisses erzeugt werden, sondern immer auch im Verhältnis zu Ethnisierung, Rassisierung und Klassenverhältnis. Für privilegierte weiße Frauen bleibe diese rassistische Ordnung jedoch meistens unsichtbar, obwohl sie auch deren Leben präge (weiße Privilegien funktionieren ähnlich wie männliche und bleiben für die Nutznießerinnen eher unsichtbar).

 
     
     
  Feministische Migrationsforschung / 'Feminisierung' der Migration  
     
 

Die sog. feministische Migrationsforschung beschäftigt sich seit einigen Jahren (Jahrzehnten?) mit der Frage, wie Migration Geschlechterverhältnisse und -rollen beeinflusst.
Entstanden als Reaktion auf die Tatsache, dass über Jahre nur der männliche Migrant von Medien und Wissenschaft beachtet wurde (zumindest als Arbeitskräfte wurden jahrelang von Forschung und Medien in der BRD nur männliche ‚Gastarbeiter' wahrgenommen obwohl schon in den 60er Jahren auch Frauen als Arbeiterinnen kamen und nicht nur als Ehefrauen nachzogen; Vorstellung des männlichen Ernährermodells galt/gilt auch in Ausländergesetzgebung: Frauen wurden als Zusatzverdienerinnen oder Hausfrauen gedacht (oft an den Ehemann gebundenes Aufenthaltsrecht)) betont die fem. Migrationsforschung heute die ‚Feminisierung' der (Arbeits)Migration:
Weltweit sei ein Ansteigen migrierender Frauen zu verzeichnen (mehr als Männer). In zunehmendem Maße entwickeln sich außerdem spezifische Formen ausschließlich weiblicher (Arbeits)migration: Heiratsmigrantinnen, Hausangestellte, Krankenschwestern, Sexarbeiterinnen.

Frauen haben auf dem Weltmarkt für Arbeitskraft mehrere Funktionen zu erfüllen:

Sie werden als Arbeitskräfte zunehmend nachgefragt, da sie die ‚billigsten' Arbeitskräfte stellen und mit den wenigsten Rechten ausgestattet sind, sich also am besten ausbeuten und unterdrücken lassen (siehe Maquilas).
Sie erfüllen gleichzeitig reproduktive und generative Funktionen im bevölkerungspolitischen Sinne.
Sie werden zunehmend auch als Sexualobjekte nachgefragt . (Vgl. Lydia Potts)

In der feministischen Migrationsforschung geht es wie oben bereits gesagt um die Auswirkungen von Migration auf die Geschlechterordnung. Einige Theoretikerinnen betonen den Aspekt der Ermächtigung migrantischer Frauen durch Erwerbstätigkeit sowie den damit verbundenen Autonomiezuwachs und ihre Stärkung durch die Bildung transnationaler Haushalte.
Die Auflösung des männlichen Ernährermodells und die Informalisierung der Ökonomie haben die Arbeitsmarktintegration von Frauen deutlich erhöht (trifft das auf Migrantinnen auch zu? Statistiken sagen etwas anderes, aber beziehen Informellen Sektor nicht mit ein) Trotz der i.d.R. prekären Arbeitsbedingungen und der geringen Entlohnung sei das häufig mit einem Autonomiezuwachs der vormals von ihren Ehemännern abhängigen und auf den häuslichen Reproduktionsbereich beschränkten Frauen verbunden. Laut Sassen z.B. ergeben sich hierdurch gänzlich neue neue Chancen für Frauen: durch den Zugang zu einem eigenen (wenn auch geringen) Einkommen und die zunehmende Feminisierung des Arbeitsangebotes und der Geschäftsmöglichkeiten im Zusammenhang mit der Informalisierung verändere sich das gesamte Gefüge der bisherigen Geschlechterhierarchie; Für Immigrantinnen treffe dies in besonderen Maße zu. Durch das eigene Einkommen erlangten die Frauen größere Unabhängigkeit und ihre Position innerhalb der Familie würde gestärkt, während die Männer eher an Boden verlören. Frauen bildeten häufig ein Vermittlungsglied im Integrationsprozess der Familie, indem sie Behördengänge sowie die Gestaltung der Familienangelegenheiten in der neuen Gesellschaft und soziale Tätigkeiten übernähmen und darüber am öffentlichen Leben verstärkt teilnähmen. Dies stärke nicht nur ihre Position innerhalb der Familie, sondern biete ihnen die Möglichkeit, die Gesellschaft, an der sie jetzt verstärkt teilhätten, mitzugestalten. Rodriguez betont darüber hinaus den Aspekt, dass die Frauen ihren Töchtern so eine Selbständigkeit vorlebten, die für diese vorbildhaft sei. Durch diese stärkere Partizipation würden Frauen insgesamt stärker zu gesellschaftlichen Akteurinnen.

->Kritik!!!: Einer derart euphorischen Einschätzung mag ich mich nicht anschließen: Es scheint zwar plausibel, dass Frauen durch ein selbstverdientes Einkommen sowohl in der eigenen Familie als auch in der Gesellschaft insgesamt einen gewissen Einflusszuwachs erlangen. Diesen aber derart euphorisch zu formulieren, wie beispielsweise Sassen es tut, erscheint gerade nach der von ihr selbst gelieferten Analyse der Position von Immigrantinnen in der globalisierten Gesellschaft eher zynisch. Nur weil die Frauen beispielsweise die Formalitäten im Umgang mit dem Staat erledigen müssen, impliziert das keineswegs, dass sie sich in die Gesellschaft einbringen würden oder könnten. Es scheint mir eher eine zusätzliche Arbeit, die den Frauen überlassen wird. (Mehrfachbelastung) Es wäre auch genauer zu fragen, was mit "sozialen Tätigkeiten", die die Frauen übernehmen gemeint ist. Es ist sicher kein neues Phänomen, dass Frauen innerhalb ihrer Umgebung sozial tätig sind, sich um Familie und NachbarInnen kümmern. Das ist ein traditionelles Aufgabenfeld von Frauen, wodurch sie aber meiner Meinung nach nicht die Möglichkeit haben, in der öffentlichen Sphäre sichtbarer und stärker zu werden. Auch findet hier keine Verschiebung der bestehenden Geschlechterhierarchie statt. Es stellt vielmehr eine zusätzliche unbezahlte Arbeit dar, die Frauen wie selbstverständlich leisten.

 
     
     
  Situation von MigrantInnen auf dem deutschen Arbeitsmarkt  
     
 

In der BRD ist die ökonomische und soziale Wichtigkeit von Zuwanderung mittlerweile weithin anerkannt (Greencard-Debatte, Zuwanderungsgesetz): Zuwanderung wird aus ökonomischen (internationale Konkurrenz um qualifizierte Arbeitskräfte, Reservearmee zur Überbrückung von Engpässen auf dem deutschen Arbeitsmarkt) und sozialen (Lösung der Probleme, die durch die demographische Entwicklung in der BRD entstehen) Gründen gebraucht.

Über die Greencard-Debatte und die Diskussion um qualifizierte Zuwanderung gerät die Situation bereits hier lebender MigrantInnen allerdings oft aus dem Blick:

Beschäftigung i.d.R. unter Qualifikation; Absprechen der in anderen Ländern erlangten professionellen Qualifikationen auf dem Arbeitsmarkt der BRD: De-Qualifizierung: nationale Zugehörigkeit für Einstellung oft ausschlaggebend professionelles Wissen wird abgewertet während die Herkunft zum entscheidenden Einstellungskriterium erhoben wird
i.d.R. bleiben MigrantInnen Berufe in hochangesehenen und gutbezahlten Bereichen verwehrt
Beschäftigung seit jeher überproportional in (körperlich) stark belastenden Berufen (Männer in der Schwerindustrie sowie im produzierenden Gewerbe; Frauen vor allem als Fabrikarbeiterinnen sowie in geringqualifizierten Dienstleistungsjobs (Reinigungsjobs, Gastronomie) und in sozialen Pflegeberufen)
Auswirkungen des Strukturwandels treffen MigrantInnen besonders hart: stärkere Betroffenheit von Jobverlusten und Arbeitslosigkeit, da Bereiche in denen MigrantInnen traditionell beschäftigt waren (arbeitsintensive Produktion) wegbrechen; vor dem Hintergrund des Strukturwandels ist die Arbeitslosigkeit der MigrantInnen in den vergangenen Jahren überproportional gestiegen. Deren Arbeitslosenquote liegt doppelt so hoch wie die Gesamtquote
starke Abnahme der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen bei EinwanderInnen
steigende Beschäftigung im Dienstleistungsbereich auch bei MigrantInnen könnte auf den ersten Blick als ‚Normalisierung' der Ausländerbeschäftigung interpretiert werden; tatsächlich zeigt aber eine detaillierte Analyse der Beschäftigungsentwicklung, dass auch die Tertiarisierung der Beschäftigung für Ausländer wieder nach einem ähnlichen Muster verläuft , wie früher der Prozess im Produktionsbereich: MigrantInnen sind heute überwiegend in den niedrigqualifizierten und geringbezahlten Dienstleistungsjobs, häufig in ‚flexiblen', entgarantierten und prekären Beschäftigungsverhältnissen zu finden (Reinigung, Gastronomie, wachsender informeller Sektor Beispiele!!!)
gleichzeitig Verschlechterung der Zugänge zum Arbeitsmarkt durch geringes Ausbildungsniveau: dramatisches Sinken der Erwerbsbeteiligung von MigrantInnen im Gegensatz zu steigender der Deutschen aufgrund zunehmender Erwerbsneigung von Frauen: nur noch weniger als die Hälfte aller TürkInnen im erwerbsfähigen Alter sind derzeit erwerbsfähig (allerdings wird entgarantierter und informeller Sektor von Statistiken nicht erfasst!!)

Was hier keine Beachtung findet: ZuwanderInnen, denen der Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt komplett verwehrt wird (Arbeitsmarktzugang ist an Aufenthaltsberechtigung gekoppelt, also fallen alle, die keine solche haben, sondern nur einen befristeten Status, aus dem Raster) oder denen, je nach Arbeitsmarktsituation, nur ein temporärer Zugang gewährt wird (im Rahmen von Werkverträgen, Saisonarbeit, Kontingentmaßnahmen etc.) und die somit lediglich als Spielball und Reservearmee für auf dem deutschen Arbeitsmarkt entstehende Engpässe fungieren. (Weitkamp S. 102-105)

Vielen ZuwanderInnen wird also das Recht, sich legal auf dem deutschen Arbeitsmarkt um eine eigenständige Existenzsicherung zu kümmern, verweigert. In den letzten zehn Jahren haben sich jedoch zunehmend Formen ‚illegaler' Arbeit, sowie Zuwanderung entwickelt.

Situation illegalisierter MigrantInnen oder illegalisiert Arbeitender: In der Regel besteht die Gefahr einer starken Ausbeutung in entrechtlichten und prekären Arbeitsverhältnissen (Männer vor allem im Baugewerbe sowie in und Renovier- und Handwerkstätigkeiten; Frauen vor allem im Reproduktions- und Pflegebereich: Putzen, Haushaltsführung Babysitten etc.) oben angesprochener Aspekt: Migrantinnen setzen deutsche, sozial gutgestellte Frauen von der Reproduktionsarbeit frei und ermöglichen so deren berufliche Karrieren.

 
     
     
  Statistiken zur Beschäftigungssituation der AusländerInnen  
     
 

Arbeitsmigration wurde häufig als Migration von Männern gesehen und die spezifische Situation von Frauen ausgeblendet. Laut dem Weltbevölkerungsbericht der Vereinten Nationen von 1993 (Schötters/Treibel) sind mehr als die Hälfte der weltweit 100 Millionen MigrantInnen weiblich. Wenn Frauen als Migrantinnen wahrgenommen wurden, dann oft in Verbindung mit Familienzusammenführung. Erst seit den 80er Jahren werden Frauen in der Ausländerforschung der Bundesrepublik als eigenständige Einwanderinnen wahrgenommen.
Das Bild der Migrantin im Alltagsbewusstsein, aber auch in älteren Studien, ist häufig das Stereotyp des Opfers: "muslimisch, unterdrückt, vom Manne abhängig und kinderreich" (Gutiérrez Rodríguez). Die Migrantin wird nicht als selbstständig handelndes Subjekt anerkannt. Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, dass, wie neuere Untersuchungen zeigen, Migrantinnen oft in prekären Arbeitsverhältnissen arbeiten, die vielfach unter ihren Qualifikationen liegen oder arbeitslos sind.

Die Migrantin wird als Frau, als Ausländerin und als Arbeiterin gleichzeitig unterdrückt.
(Gutiérrez Rodríguez und Schötters/Treibel)

Im Folgenden werden wir anhand von Statistiken die Situation der Migrantinnen in der BRD aufzeigen. Zur Lösung der Probleme, nicht zuletzt der hohen Arbeitslosigkeit, werden von staatlicher Seite einerseits verschärfte Zuwanderungskontrollen und Integrationsbestrebungen für ansässige MigrantInnen genannt. Die Integration wird primär in einer Bildungsexpansion gesehen. Dass diese Konzepte der Komplexität der Herrschaftsverhältnisse, denen Migrantinnen unterworfen sind, nicht gerecht werden, zeigt Encarnación Gutiérrez Rodríguez in ihrer Analyse von Biographien intellektueller Migrantinnen in der BRD.

 
     
     
  Einwanderungen in die Bundesrepublik  
     
 

Im Zuge der weltweiten Ausbreitung des Neoliberalismus und der damit einhergehenden Globalisierung wird zwar der freie Kapital- und Güterverkehr gefordert und über verschiedenen Abkommen garantiert (z.B. WTO, Internationaler Währungsfond, OECD), der freie Personenverkehr ist dagegen starken Einschränkungen unterworfen, die dem Prinzip des freien Marktes widersprechen (1). Die nationalen Grenzen werden geöffnet, wenn das Arbeitskräfteangebot unter den Einheimischen den wirtschaftlichen Erfordernissen nicht genügt. Ansonsten wird der Zugang durch mehr oder weniger restriktive Kontrollen erschwert.

In der Bundesrepublik konnte nach 1945 die ausgeweitete Produktionskapazität durch 12 Millionen ZuwanderInnen vorerst abgedeckt werden. Der grösste Teil waren Aus- und ÜbersiedlerInnen, die sogleich die deutschen Bürgerrechte erhielten. 1955 beklagten die Arbeitgeberverbände den Mangel an Arbeitskräfte, was zum ersten Anwerbeabkommen zwischen der BRD und Italien führte, obwohl gleichzeitig in der BRD zwischen einer halben und einer Million Menschen arbeitslos waren (2), hauptsächlich im Agrarsektor. Mit dieser Massnahme sollte der Produktionsrückgang in der Industrie gestoppt werden. Weitere Abkommen zur Anwerbungen von Arbeitskräften wurden mit weiteren Ländern geschlossen. Bis zum Anwerbestop 1973 immigrierten 2,6 Millionen Arbeitskräfte in die BRD. Eine Niederlassung der AusländerInnen im Gastland war aber nicht erwünscht. Mit auf zwei Jahren befristeten Arbeitsverträgen, versuchte die Regierung nach dem Rotationsprinzip die MigrantInnen wieder in ihre Heimatländer zurückzuschieben. Da den Unternehmungen aber durch das wiederholte Anlernen von ArbeiterInnen wirtschaftliche Verluste entstanden, wurden die Verträge verlängert. In den 80er Jahren wurden zur Erschwerung der Immigration verschiedene Massnahmen ergriffen, wie restriktiver Familiennachzug. Die BRD weigerte sich, die Niederlassung der ausländischen Bevölkerung anzuerkennen. Erst 1985 arbeitete sie ein Integrationsprogramm aus. Viele sehen die BRD als Einwanderungsland mit einer multikulturellen Gesellschaft (D'Amato). Die Regierung aber widersetzt sich dieser Sichtweise nach wie vor, wenn sie z.B. die Doppelbürgerschaft ablehnt (1999).

 
     
 

Heute leben 7,35 Millionen AusländerInnen in der BRD, das sind 8,9% der Gesamtbevölkerung, fast die Hälfte davon sind Frauen (45,37%). Mit Abstand am meisten MigrantInnen kommen aus der Türkei (28%), wobei die Frauen, wie auch aus anderen Nationen, gegenüber den Männern in einer knappen Minderheit sind.

Grafik: >> Anteil der AusländerInnen in der BRD, aufgeteilt nach Geschlecht und Nationen

Auffällig ist die Aufenthaltsdauer der ausländischen Bevölkerung. Mehr als 50% leben bereits seit mehr als 10 Jahren in der BRD, über 23% bereits länger als 25 Jahre. Die in Deutschland geborenen AusländerInnen hatten Ende 1995 bereits einen Anteil von 20,5% (Gutiérrez Rodríguez). Die ausländische Bevölkerung ist zu einem festen Bestandteil der deutschen Gesellschaft geworden und die BRD zum Lebensmittelpunkt vieler MigrantInnen.

Grafik: >> Aufenthaltsdauer

Trotz der langen Aufenthaltsdauer ist ihr Aufenthaltsstatus nicht gesichert. So besitzen Ende 1999 beispielsweise von den 2,053 Millionen TürkInnen 30% eine unbefristete und 36% eine befristete Aufenthaltserlaubnis. Nur 23% erhielten eine Aufenthaltsberechtigung. Auch in ihrer subjektiven Einschätzung empfinden viele AusländerInnen ihren Aufenthaltsstatus als ungesichert. 1995 wurden 1% der AusländerInnen eingebürgert (Gutiérrez Rodríguez). (Quelle: >> BAB)

 
     
     
  Erwerbstätigkeiten / Arbeitslosigkeit  
     
 

Wenn von Ausländerbeschäftigung die Rede ist, herrscht immer noch die Vorstellung vor, dass Gastarbeiter ihre Frauen und Kinder im Rahmen des Familiennachzugs in die BRD geholt haben (Schötters/Treibel). Während der gesamten Anwerbezeit sind jedoch 20% weibliche Arbeitskräfte in die BRD migriert. Um 1970 war die Erwerbsquote von Migrantinnen fast doppelt so hoch, wie die der deutschen Frauen. Dies lässt darauf schliessen, dass Migrantinnen aus eigenem Interesse ihre Heimatländer verliessen. Als Gründe werden oft Abwechslung und grössere Selbständigkeit genannt (Schötters/Treibel). Nach der ökonomischen Krise der 70-er Jahre, verschob sich dieses Verhältnis von ausländischen zu deutschen Arbeitnehmerinnen zu Ungunsten der Ausländerinnen. Heute ist die Erwerbsquote deutscher Frauen höher als bei den Migrantinnen.

Grafik: >> Erwebsquote

Seit den 90er Jahren hat sich die Erwerbssituation für Migrantinnen verschlechtert. Sie machen 92% aller Teilzeitarbeiterinnen aus und ihre Beschäftigung ist durch Flexibilisierung und Entgarantierung gekennzeichnet (Gutiérrez Rodríguez).

 
     
 

Bevor wir auf die hohe Arbeitslosigkeit eingehen, möchten wir zuerst die Stellung im Beruf von AusländerInnen und Deutschen vergleichen, um einen Strukturwandel mit Folgen auf die Beschäftigungssituation zu thematisieren. Die Zahlen liegen nicht nach Geschlecht getrennt vor.

Grafik: >> Stellung im Beruf

Migrantinnen sind meist in der Textil- und Elektroindustrie, der Gastronomie, Krankenpflege und Raumpflege in unqualifizierten Arbeitsbereichen beschäftigt, mit geringen oder keinen Aufstiegsmöglichkeiten (Schötters/Treibel). Sie werden folglich als Arbeiterinnen klassifiziert. Die Qualifikationen, die diese Migrantinnen sich entweder in ihrem Herkunftsland oder in der BRD erarbeitet haben, sind vielfach höher, als es der ausgeübte Beruf verlangt. So schreibt Gutiérrez Rodríguez: "Von den Berufsberatungsstellen werden Migrantinnen häufig unzulänglich beraten, indem sie vorschnell auf pflegende und wenig qualifizierte Dienstleistungsberufe hin orientiert werden. Hochqualifizierte Migrantinnen finden meistens nur in sozialen Berufen im Feld der 'Ausländersozialarbeit' eine Anstellung, unabhängig davon, ob sie in diesem Feld ausgebildet sind oder nicht. Das professionelle Wissen wird dadurch abgewertet, während die nationale Herkunft zum entscheidenden Einstellungskriterium erhoben wird." (Gutiérrez Rodríguez S.24). Diese Abwertung der Qualifikationen macht sich auch im Einkommen bemerkbar. So stieg bei ausländischen Männern das Bruttoeinkommen zwischen 1984 und 1991 von 1775 auf 2296 DM, ausländische Frauen erreichten nur eine Steigerung von 1097 auf 1206 DM und damit eine Reduktion auf gut 50% der Männereinkommen.

 
     
 

In den letzten 15 Jahren hat sich die Situation der AusländerInnen auf dem Arbeitsmarkt wesentlich verschlechtert. Hönekopp meint, die Erwerbsbeteiligung der AusländerInnen seien "fast schon dramatisch gesunken" (Hönekopp S. 63). Gleichzeitig ist die Erwerbsbeteiligung der Deutschen gestiegen, hauptsächlich durch eine höhere Erwerbsneigung der Frauen.

Grafik: >> Arbeitslosigkeit

AusländerInnen sind doppelt so stark von Arbeitslosigkeit betroffen, wie Deutsche. Nicht nur, weil AusländerInnen in der Mehrzahl als ArbeiterInnen tätig sind, sie sind auch häufiger arbeitslos als deutsche ArbeiterInnen (3). Dies könnte mit geringeren Qualifikationen zusammenhängen. So haben 1999 78% der arbeitslosen AusländerInnen keine abgeschlossene Berufsausbildung, oder sie ist unbekannt oder nicht anerkannt (Ausbildungen im Herkunftsland werden oft nicht anerkannt). Bei der deutschen Bevölkerung haben dagegen nur 37,9% der Arbeitslosen keinen Berufsabschluss.

Tabelle: >> Arbeitslosigkeit nach Strukturmerkmalen

Die Situation der weiblichen Arbeitslosen ist aus den Statistiken nicht vollumfänglich erfassbar. Unseres Erachtens sind sie etwa gleich betroffen wie die ausländischen Männer (4). Die Problematik liegt jedoch nicht in den Arbeitslosenzahlen, sondern im Rückgang der Erwerbsquote von Migrantinnen (Schötters/Treibel). Sie sind von Entlassungen schneller betroffen als deutsche Frauen und ausländische Männer, melden sich aber seltener arbeitslos. Es wird mit einer hohen Dunkelziffer von Migrantinnen gerechnet, die sich aus dem Erwerbsleben zurück in die Familien drängen liessen und lassen. Die ausländischen Frauen werden so zur 'Manövriermasse' von konjunkturellen und strukturellen Wirtschaftsschwankungen (Gutiérrez Rodríguez).

 
     
     
  Bildungsaufstieg  
     
 

Um die hohen Arbeitslosigkeit gerade unter MigrantInnen abzubauen, werden meist Bildungsinvestitionen vorgeschlagen. Hönekopp fordert erhöhte Anstrengungen, um die in der BRD ansässigen AusländerInnen für den Wettbewerb um Arbeitsplatze besser zu qualifizieren, besonders für Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich, die weiter zunehmen werden. Gleichzeitig muss sichergestellt werden, dass ausländische SchülerInnen eine gut qualifizierte Ausbildung erhalten und diese Angebote auch nutzen.

Ein Blick auf die Bildungsexpansion zeigt, dass sich das Qualifikationsniveau tatsächlich verbessert hat, dass aber damit die Probleme der Arbeitslosigkeit und der prekäre Arbeitsverhältnisse nicht gelöst werden können.

In den 60-er und 70-er Jahre erfolgte in Westeuropa und vor allem in der Bundesrepublik eine Bildungsexpansion, die generell zu höheren Bildungsabschlüssen führte. Am meisten profitierten die Kinder der ArbeiterInnen und der MigrantInnen. So ist der Anteil der MigrantInnenkinder ohne Abschluss von 34,5 Prozent im Jahre 1983 auf 15,4 Prozent im Jahre 1995 gesunken. Nach wie vor besitzen aber MigrantInnenkinder häufiger keinen Abschluss als deutsche Kinder. Nach Geschlechtern betrachtet, haben die MigrantInnentöchtern in den 90-er Jahren einen Bildungsaufstieg zu verzeichnen und sogar qualifiziertere Abschlüsse als junge ausländische Männer vorzuweisen, wie Statistiken zur Entwicklung ausländischer Studierender belegen. Trotzdem erleben die jungen ausländischen Frauen im Berufsalltag eine Abwertung ihrer Qualifikationen. So werden sie von Arbeitsämtern zumeist für Berufe in der Gastronomie, dem Pflege- und Sozialbereich vermittelt mit in der Regel schlechteren Arbeitsbedingungen (geringer Verdienst, höhere Arbeitsplatzrisiken, geringe Aufstiegsmöglichkeiten) als in Dienstleistungsberufen der Verwaltung oder des Finanzbereichs. Gleichzeitig mit der Bildungsexpansion korrelierten die Abschlüsse immer weniger mit den Arbeitsstellen / Positionen. Ein Abschluss garantiert noch keine entsprechende Stelle. Damit haben die Abschlüsse eine Abwertung erfahren. Nach Bourdieu tritt das soziale Kapital in den Vordergrund, d.h. die sozialen Kontakte (Beziehungen, Empfehlungen) und Verhaltenscodizes. Je nach Konjunktur bedeutet dies, dass der soziale Hintergrund als Einstellungskriterium zentral wird. Zum sozialen Hintergrund gehören: Klassenstatus, Nationalität, Hautfarbe, Geschlecht. Auch in Frauenförderungsprogrammen tritt diese klassenimmanente und nationalistische Rekrutierungspraxis zu Tage. Deutsche Frauen sind betroffen von der Diskrepanz der Verfassungsnorm (Gleichberechtigung) und der Verfassungswirklichkeit (asymmetrisches Geschlechterverhältnis). Auf Grund der ausländerrechtlichen Gesetzgebung sind Migrantinnen auf institutioneller Ebene mit der deutschen Bevölkerung nicht gleichgestellt. Sie sind über dies rassistischen Angriffen ausgesetzt, die nicht formalisiert sind, also gesellschaftliche und kulturelle Praktiken bezeichnen.


Diese strukturellen Ausgrenzungen der Migrantinnen hat Gutiérrez Rodríguez anhand von biografischen Interviews herausgearbeitet, die wir hier kurz vorstellen möchten.

 
     
     
  Dreifache Vergesellschaftung der Migrantinnen  
     
 

Mit biografisch-narrativen Interviews zeigt Gutiérrez Rodríguez die gesellschaftlichen Konstruktions- und Konstitutionsprozesse auf. Migrantinnen sind komplexen Relationen in einer dreifachen Vergesellschaftung unterworfen. "Im Sinne der dreifache Vergesellschaftung von Ilse Lenz erfahren Frauen nicht nur eine Vergesellschaftung über das Klassen- und Geschlechterverhältnis, sondern auch insbesondere durch die Einbindung in den Nationalstaat und auf internationaler Ebene." (Gutiérrez Rodríguez 1999:249)

Gutiérrez Rodríguez führte 15 narrative Interviews durch und stellte 6 exemplarisch in ihrer Publikation vor, die die allgemeinen und spezifischen Charakteristiken von Arbeitsmigrantinnen dokumentieren. Als Subgruppen wählte sie aus:
- in der Bundesrepublik aufgewachsene Frauen
- als Erwachsene immigrierte EU-Einwanderinnen
- Migrantinnen aus Drittstaaten
Diese Gruppen besitzen unterschiedliche Rechtsstati. Die befragten ausländischen Frauen leben zwischen 25 und 30 Jahre in Deutschland, beherrschen die deutsche Sprache, sind öffentlich aktiv (in Fraueninitiativen), intellektuell gebildet (nahmen an der deutschen Bildungsexpansion teil) und können als integriert bezeichnet werden. Dennoch sind sie "mit subtilen Formen des institutionalisierten und Alltagsrassismus konfrontiert" (Gutiérrez Rodríguez 1999:67). Sie stehen meist in flexiblen (Teilzeit, nicht garantierten) Arbeitsverhältnissen, die unter ihren Qualifikationen liegen.

 
     
  Strukturelle Merkmale von Differenzierungs- und Hierarchisierungsverhältnissen, die aus der Analyse der Interviews festgestellt wurden:  
 
-

Modernitäts-Differenz-Hypothese oder Kulturkonflikthese:
Modernisierungsprozesse finden oft bereits vor der Migration in den Herkunftsländern statt. Damit kann die Modernitäts-Differenz-Hypothese oder Kulturkonflikthese (5) nicht aufrechterhalten werden, in der das Herkunftsland "einen traditionellen Ort" darstellt und das Anwerbeland die Moderne.

- Segregation:
MigrantInnen werden tendenziell aus der deutschen Gesellschaft ausgeschlossen (gerade wegen der restriktiver Integrationspolitik). Dies führt dazu, dass sie zwar physisch in der Bundesrepublik anwesend sind, geistig sich aber in ihrem Herkunftsland befinden. Mit Layoun kann dieser Ort als ‚Diaspora' bezeichnet, als einen Zustand, "an einem Ort zu leben und sich an einem anderen Ort zu denken" (Gutiérrez Rodríguez 1999:232). Dabei überschneiden sich gelebte Realität in der BRD mit dem imaginierten Herkunftsland. Dieser Zustand führt zur Entortung.
- Entortung:
Das Subjekt ist innerhalb von staatlichen Grenzen immer im Ausserhalb, in der Bundesrepublik wegen fehlender Rechte und sozialem Ausschluss, aber auch im Herkunftsland, weil nur die Staatszugehörigkeit die Verbindung herstellt, die Gesellschaft als solche fremd ist. Diese Entortung ist nicht zu verwechseln mit dem freien, flexiblen Nomadentum, das heute als Ideal eines globalisiertes Subjektes beschworen wird. Die Entortung entsteht durch die Migration und dem provisorischen Aufenthaltsrecht in der BRD, also die Nichtanerkennung der Mitgliedschaft im deutschen Staat. Darin steckt die permanente Aufforderung zur Rückkehr und bedeutet für MigrantInnen, dass sie sich an keinem Ort wirklich niederlassen können. Eine Verortung geschieht deshalb nicht aufgrund nationaler Bezüge, sondern durch Praxis und Präsenz an einem Ort. Diese Verortung wurde in allen Interviews als langer und komplexer Prozess thematisiert.
- Konstruktion des Anderen:
Menschen aus nicht-westlichen Staaten und Nicht-Weisse werden im Alltagswissen der deutschen Gesellschaft zu "kulturell Andersartigen" konstruiert, als "rückständig und anpassungsunwillig" imaginiert. Insbesondere Frauen werden als patriarchalisch unterdrückt und als unselbständig angesehen. Sie erfahren erst im Immigrationsland als Konstrukt "ausländische Frau" eine Vergeschlechtlichung auf der Basis der kulturell und ethnisch "anderen Frau". Simone de Beauvoir's berühmten Satz "Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht" kann um die ethnisierte Frau erweitert werden: "Man wird nicht als Ausländerin (Türkin, Schwarze, ...) geboren, man wird dazu gemacht."
- Ethnisierung und Vergeschlechtlichung:
Die Migrantin gelangt in ein Spannungsfeld von Konstruktion und Konstitution. Einerseits findet durch staatliche Institutionen und herrschende Diskurse ein Verobjektivierungsprozess statt (Ethnisierung der ausländischer Bevölkerungsgruppen, kulturelle Differenz, Deklassierung), gleichzeitig prozessieren diese Praktiken die Subjektivierung und konstituieren das Individuum. Wenn MigrantInnen, um als Subjekte gesellschaftlich und staatlich wahrgenommen zu werden, ethnische Gemeinschaften bilden, die zu einer Konservierung traditioneller Werte neigen, spricht man von Selbst-Ethnisierung. Diese folgt einer paradoxen Logik: Im Widerstand zu institutionellen Bezeichnungspraktiken werden stereotype Bilder reproduziert. In diesen ethnischen Gemeinschaften wird oft die Geschlechterdifferenz und -hierarchie betont und kontrolliert (z.B. müssen Frauen und Mädchen die symbolischen Körpernormen befolgen), d.h. die Bewahrung traditioneller Frauenbilder wird festgeschrieben. "Beide Vorgänge, Ethnisierung und Vergeschlechtlichung, bedingen sich gegenseitig und sind Ausdruck struktureller Gewalt" (S. 196).
- De-Qualifizierung:
Durch die Konstruktion der kulturellen Differenz und der damit einhergehenden Deklassifizierung erfahren die beruflichen Ausbildungen von Migrantinnen eine De-Qualifikation. Dies führt oft zu Arbeitslosigkeit oder zu prekären Arbeitsverhältnissen. Auch eine Frauensolidarität kann hier kaum festgestellt werden. Qualifizierte Migrantinnen werden am Arbeitsplatz nicht selten von deutschen Frauen als Bedrohung empfunden, gerade weil die Migrantin für eine Stelle überqualifiziert ist. Migrantinnen sind in diesem Konfliktfeld häufiger von Kündigungen oder entgarantierten Arbeitsplätzen betroffen.
- Bildung als Möglichkeit zu selbstständigem Leben:
Alle befragten Frauen gelangten über ihre Ausbildungen, die sie in der BRD absolvierten, zu mehr Selbständigkeit. Sie sind in der deutsche Gesellschaft integriert. Trotzdem erfahren sie berufliche De-Qualifikation, Rassismus, eine Vergesellschaftung als Ausländerin und eine Vergeschlechtlichung als Frau. Das Streben nach individuellen Freiheiten wird durch strukturelle Zwänge immer wieder zu nichte gemacht. Sie befinden sich permanent im "Widerspruch zwischen Handlungsnotwenigkeit und struktureller Beschränktheit." (Gutiérrez Rodríguez 1999:261)
- Rassismus:
Die seit Anfang der 90-er Jahre zunehmenden rassistischen Angriffe auf AusländerInnen führen zu Unsicherheit und Angst und dem Bewusstsein, als AusländerIn in der Gesellschaft festgeschrieben zu sein. Das beudeutet auch, dass Integrationsbemühungen von MigrantInnen zu nichte gemacht werden können und eine Entortung stattfindet (der Lebensort wird in Frage gestellt).
 
     
     
  Lösungsvorschläge  
     
  Die Beauftragte der Bundesregierung für Ausländerfragen (BAB) thematisiert vor allem die fehlende Integrationspolitik als Ursuche der Migrationsprobleme und unterbreitet einen Vorschlag, welcher Massnahmen zur Verbesserung der Situation von MigrantInnen enthält. Als Voraussetzung benennt sie die Anerkennung der Zuwanderung als Faktum (wie oben beschrieben begreift sich die BRD nicht als Einwanderungsland) und damit die Aufgabe der Integration als dauerhaften Prozess. Auf der Basis dieser Anerkennung müssten die rechtliche Gleichstellung angestrebt, die politische Partizipation gefördert, strukturelle Benachteiligungen beseitigt, rassistischer Ausgrenzung und Anschlägen wirkungsvoll entgegen gewirkt, die interkulturelle Öffnung gestärkt werden. Sie schlägt als konkrete Massnahme einen Integrationsvertrag vor, der ZuwanderInnen verpflichtet, Sprach- und Integrationskurse zu besuchen. Als positive 'Sanktionen' werden den MigrantInnen nach erfolgreichem Absolvieren der Kurse rechtliche Verbesserungen angeboten, wie unbefristetes Aufenthaltsrecht, vereinfachter Erwerb der Staatsbürgerschaft, Zugang zum Arbeitsmarkt (Arbeitsbewilligungen).
Auch wenn Integration vom Staat nicht verordnet werden kann, schlägt sie Gesetzesänderungen zur Integrationsförderung vor. (Bericht: Anstösse zum Thema Integration I und II)
 
     
     
  Schlussfolgerungen  
     
  Diese Untersuchungen und Analysen zeigen ein ziemlich düsteres Bild der Situation von Migrantinnen und eine gleichberechtigte, interkulturelle Gesellschaft scheint in weiter Ferne. Konkrete Konzepte, wie diese Situation verbessert werden könnte, sind kaum in Sicht. In Anbetracht, dass Migrantinnen in der Forschung lange Zeit nicht als eigenständig Handelnde wahrgenommen wurden, liegen nun aber Untersuchungen vor, die einen differenzierten Blick auf ihre Situation werfen und vielleicht mögliche Handlungsräume für ihre Besserstellung in Gesellschaft und Politik öffnen.  
     
     
     
  Anmerkungen  
     
 
1 Der nationale Wohlfahrtsstaat steht im Spannungsfeld einerseits die Solidarität ihrer Mitglieder aufrecht zu erhalten, um die gerechte Verteilung gemeinsamer Güter zu garantieren, anderseits aber aus wirtschaftlichen und politischen Gründen Offenheit zu praktizieren. Nichtmitglieder eines Staates sind von dieser Solidarität weitgehend ausgeschlossen (D'Amato).
2 Die Arbeitslosenzahlen variieren sehr stark zwischen einer halbe Million (D'Amato) und 1,07 Millionen (Gutiérrez Rodríguez) je nach verwendeten Quellen.
3 Diese Feststellung habe ich aufgrund des Verhältnisses von Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit nach Stellung im Beruf gemacht. Diese Korrelationen können aber nur näherungsweise herangezogen werden, da das Datenmaterial nur beschränkt vergleichbar ist.
Grafik: >> Stellung im Beruf
Tabelle: >> Arbeitslosigkeit nach Strukturmerkmalen
4

Zwar werden die Arbeitslosenzahlen für ausländische Männer und Frauen getrennt aufgeführt, doch sagt dieses Verhältnis wenig aus, über die tatsächlichen Arbeitslosen gemessen an den Erwerbstätigen. So sind etwa ein Drittel der ausländischen Arbeitslosen Frauen. (Gutiérrez Rodríguez zitiert Klippenstein: "Ende April 1997 waren 33,1 Prozent der Migrantinnen arbeitslos gemeldet." (Gutiérrez Rodríguez S.25), was nicht mit den Zahlen übereinstimmt). Wenn ich eine Schätzung aufgrund der Korrelation zwischen den Erwerbspersonen (Erwerbstätige und Arbeitslose), aufgeteilt nach Geschlecht, und den Arbeitslosenzahlen vornehme, unterscheidet sich die Arbeitslosenquote zwischen Ausländern und Ausländerinnen nicht signifikant.
Grafik: >> Erwerbsquote
Tabelle: >> Arbeitslosigkeit nach Strukturmerkmalen

5 Anmerkung zur Kulturkonfliktthese folgt noch
   
   
   
   
   
 
     
     
  Literatur  
     
 

D'Amato, Gianni: Vom Ausländer zum Bürger. Die Einwirkung der Immigrantenbevölkerung auf die Problematik der politischen Integration moderner Gesellschaften am Beispiel Deutschland, Frankreich und der Schweiz. 1998
 

 
  Beck, Marieluise; Beauftragte der Bundesregierung für Ausländerfragen
>> http://www.bundesauslaenderbeauftragte.de/
Anstösse zum Thema Integration Bericht I und Bericht II
 
 
  Gutiérrez Rodríguez, Encarnacíon: Intellektuelle Migrantinnen - Subjektivitäten im Zeitalter der Globalisierung. Eine postkoloniale dekonstruktive Analyse von Biographien im Spannungsverhältnis von Ethnisierung und Vergeschlechtlichung. 1999
 
 
  Hönekopp, Elmar: Arbeitsmarktzugänge und Arbeitsmarktsituation für Migranten: aktuelle Befunde und Perspektiven. in: Zukunft der Arbeit IV: Arbeit und Migration; Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung. S. 62-65. 2000
 
 
 

Potts, Lydia: Migrantinnen im Weltmarkt für Arbeitskraft in: Heute hier - morgen fort. Migration, Rassismus und die (Un)Ordnung des Weltmarkts; hg. von Iz3W, 1993
 

 
 

Sassen, Saskia: Überlegungen zu einer feministischen Analyse der globalen Wirtschaft in: PROKLA Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, Heft 111, 1998
 

 
  Schöttes, Martina / Treibel, Annette: Frauen - Flucht - Migration. Wanderungsmotive von Frauen und Aufnahemsituationen in Deutschland. in: Soziale Welt: Transnationale Migration; Hrsg. Pries, Ludger. S. 85-117. 1997
 
 
 

Weitkamp, Rolf: Spielball des deutschen Arbeitsmarktes. Zur rechtlichen Hierarchisierung von MigrantInnen in: Zwischen Flucht und Arbeit; hg. von BUKO, 1995
 

 
 

Young, Brigitte: Genderregime und Staat in der globalen Netzwerkökonomie in: PROKLA Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, Heft 111, 1998