Ist das Internet wirklich ein MACHTFREIER, DEZENTRALISIERTER RAUM?
  12.2000  
  Saskia Sassen: Elektronischer Raum und Macht  
     
 

Der Cyberspace wird meist charakterisiert durch seine Offenheit und Dezentralisierung. Aber er ist auch eingebettet in die Geografie seiner Infrastruktur, die geprägt ist durch: Macht, Konzentration, Wettbewerb. Das Internet entstand aus der Hacker-Kultur und wird heute vermehrt kommerzialisiert. Netzwerk verteilen zwar die Macht, sie ermöglichen aber auch neue und andere Formen der Macht, z.B. durch die globalen Finanzzentren, die vermehrt ihre Geschäfte global über interne Netze abwickeln.

These: Der elektronische Raum ist weder selbstgenügsam noch neutral, sondern eigebettet. Sassen führt den Begriff der CYBER-SEGMENTIERUNG ein.

 
     
  1. Die Einbettung des elektronischen Raums:  
  Es gibt keine vollständig virtuelle Unternehmung. Sie erfordern strategische Standorte mit hoher Konzentration an Infrastruktur, Arbeitsressourcen, Kompetenzen und Gebäude, was zu Konzentrationen in globalen Städten führt und zu strukturellen und organisatorischen Veränderungen. "Es ist genau die Kombination der räumlichen Ausbreitung ökonomischer Aktivitäten mit der weltweiten Integration der Telematik, die zu einer strategischen Rolle der grösseren Städte in der gegenwärtigen Phase der Weltwirtschaft beigetragen hat", obgleich Ort und Distanz durch diese Technologie neutralisiert werden.  
     
  2. Neue Geografie der Zentralität  
  Es findet eine Verräumlichung der Ungleichheit statt: globale Städte als Hyperkonzentration an Infrastruktur und Ressourcen neben dürftig versorgten Regionen. Aber auch innerhalb dieser Städte nimmt die Ungleichheit des Netzzugangs zu. Diskussionen über Deregulierung und Privatisierung der sehr kostenintensiven Infrastruktur werden dieses Ungleichgewicht noch verschärfen.  
     
  3. Die entstehende Cyber-Segmentierung  
 

Mindestens drei Formen von Cyber-Segmentierung können unterschieden werden: die Kommerzialisierung des Zugangs, Dienstleistungsunternehmen, die Informationen für zahlende Kunden sortieren, auswählen und bewerten und die Bildung von privaten Netzwerken von Unternehmungen (Intranets).

Sassen vermutet, dass der Internet-Zugang und die Browser-Software heute gratis verteilt werden, um schliesslich entsprechende Gebühren zu erheben. Was heute noch der öffentliche elektronische Raum ist, würde nur noch zahlenden KundInnen zugänglich gemacht werden.

Der grösste Teil des heutigen elektronischen Netzes sind private Netze, die über Firewalls vom übrigen Netz abgesichert sind und die Tendenz ist zunehmend. Die Unternehmungen haben das Internet als kostengünstige Technologie entdeckt mit einem geringen Bedarf an Fachleuten. Sie können damit alle ihre Computer, Software und Datenbanken in einem einzigen System verbinden und alle MitarbeiterInnen können von beliebigen Orten darauf zugreifen. Es findet eine private Aneignung eines öffentlichen Gutes statt.

Das Internet ist zwar ein Ort der Machtverteilung und beschränkt die autoritäre und monopolitische Kontrolle, aber auch ein Ort des Wettbewerbs und der Segmentierung. Die meisten Computernetze sind privat, d.h. Machtkonzentration und Hierarchiereproduktion. Das Internet und die privaten Netzwerke haben lange nebeneinander existiert, verzahnen sich aber zusehends. Sassen plädiert dafür, den Unternehmen und Märkten nicht allein die Entwicklung zu überlassen. "Das Netz könnte weiterhin ein Ort tatsächlicher demokratische Praktiken ein. Das wird es aber teilweise eher als Widerstandsform gegen eine überhandnehmende Wirtschaftsmacht und gegen die Macht der Hierarchie sein, denn als der Raum unbegrenzter Freiheit" (wie er heute noch mehrheitlich gesehen wird).

"Dies ist ein besonderer Moment in der Geschichte des elektronische Raums, ein Moment, in dem mächtige Unternehmen und Hochleistungsnetzwerke die Rolle des privaten elektronischen Raums verändern. Es ist aber auch der Moment, an dem wir das Entstehen einer gerechten und breiten bürgerlichen Gesellschaft im elektronischen Raum beobachten können - auch wenn sie derzeit noch eine Minorität innerhalb der Gesamtbevölkerung darstellt. Das sind die Ausgangsbedingungen der Auseinandersetzungen."

 
     
     
 

Daran anschliessend stellen sich Fragen, wie sich Frauen in dieser Entwiklung positionieren können? Welche Möglichkeiten der feministischen Netzaneignungen und Interventionen eröffnen sich?

Tatsache ist auch, dass durch diese Gobalisierung einmal mehr die Verliererinnen die Frauen sind, neben MigrantInnen und Farbigen (z.B. Sassen: Die Dienstleistungsgesellschaft und die neue Ungleichheit)

 
     
     
  Literatur  
 

Saskia Sassen: Elektronischer Raum und Macht, in: Machtbeben, Deutsche Verlags-Anstalt, 2000

http://www.aec.at/lounge/sassen.html
http://mailbox.univie.ac.at/Frank.Hartmann/Essays/Sassen.htm
http://www.megacities.nl/lecture_sassen.htm
http://www.heise.de/tp/deutsch/special/mud/6161/1.html
http://www.heise.de/tp/deutsch/html/result.xhtml?url=
    /tp/deutsch/inhalt/te/8340/1.html&words=Globalisierung%20Internet
http://cyber.law.harvard.edu/rcs/fish.html
http://www.ix.de/tp/deutsch/special/sam/6005/1.html
http://www.cc.columbia.edu/cu/21stC/issue-2.4/sassen.html