Marcel Broodthaers

Musée d'Art Modern
Departément des Aigles
(Adlermuseum)
1968 - 1972

 

 

"Was ist Kunst? Welche Rolle spielt der Künstler? Was ist die gesellschaftliche Aufgabe des Museums? Zur Klärung solcher grundsätzlicher Fragen gründete Marcel Broodthaers 1968 in Brüssel das Museum Moderner Kunst, Abteilung Adler, wobei er zugleich erklärte: „Dieses Museum ist eine Fiktion.“ Realisiert wurden Broodthaers’ komplexe Museumsideen indes in unterschiedlichen Rauminstallationen, von denen die „Section Publicité“, gewissermaßen die Marketingabteilung des Museums, 1972 für die documenta 5 in Kassel entstanden ist. Unter dem Logo eines vergoldeten Bronzeadlers findet sich eine Reihe disparater Bilder und Dokumente zusammengetragen, die auf das ikonografisch aufgeladene Adlermotiv, aber auch auf Fragen bildlicher und symbolischer Repräsentation ganz allgemein verweisen. Die Idee des Museums wird ebenso spielerisch wie ernsthaft in Frage gestellt. Broodthaers’ meisterhafte Art, Bezüge, Referenzen und Zeichen zirkulieren zu lassen, hat nachhaltigen Einfluss auf jüngere Künstlergenerationen ausgeübt."

 Departément des Aigles in der Kunsthalle Düsseldorf

Marcel Broodthaers: Der erste Künstlerkurator

In den 60-er Jahren kritisierten Künsterinnen und Kunststudenten die verhärteten Strukturen des traditionellen Museums und der Kunstbetriebe, die üblicherweise eine systematische Ordnung von historischen Gegenständen oder Kunstwerken zeigen.
Joseph Beuys wollte als Konsequenz seines erweiterten Kunstbegriffes eine Politisierung des Museums erreichen, wo Kunst sich direkt artikulieren und in die Gesellschaft intervenieren kann. Die Vereinigung von Kunst und Leben sollte Wirklichkeit werden. Ein direktes Zusammengehen von Kunstpraxis und Kunstinstitutionen, wie es Beuys gefordert hatte, sah Marcel Broodtaers als unmöglich an, auch wenn er die gleichen Ziele verfolgte. Er ging den Weg des Kunstkurators.

1968 besetzte Broodthaers zusammen mit Künstler und KunststudentInnen das Palais des Beaux-Arts in Brüssel. Sie richteten sich im Museum ein und arbeiteten dort an ihren Werken. Auf diese Provokation aber erfolgten keine weiteren Aktionen, kein Feuer sprang über, so dass Broodthaers nach einer Woche die Aktion abrach. Broodthaers organisierte nun Symposien und Diskussionsrunden zum Thema.

Sein Hauptwerk, das Musée d'Art Moderne, wurde eher zufällig gegründet. Als für eine Veranstaltung in seiner Privatwohnung zu wenige Stühle vorhanden waren, hat er kurzerhand Kunsttransportkisten ausgeliehen mit Aufschriften wie "Vorsicht zerbrechlich". Er heftete Kunstpostkarten von Gemälden des 19. Jahrhunderts an die Kisten, schrieb "Museum" ans Fesnter und "Département des Aigles" auf die Mauer im Hof. Das Musée d'Art Moderne, Département des Aigles, Section XIX ème Siècle war geboren.
Die Eröffnung der "Museumsfiktion" war ein voller Erfolg und eine Auseinandersetzung mit Museumsinstitutionen kam ins Rollen. Diese fiktive Museum bestand ein Jahr, wurde dann abgebaut und an anderen Orten wieder aufgebaut mit Kunstpostkarten, die Werke aus dem 17. Jahrhundert zeigten.

 die erste Ausstellung in Brüssel

Damit begannen grossangelegte Projektzyklen zum Thema Museum. Teilprojekte wurden als Abteilungen (Départemente oder Sections) bezeichnet. In den Teilprojekten wurden verschiedene Funktionsbereiche oder Teilbereiche von Museumsinstitutionen strukturell und inhaltlich aufgefaltet. Z.B. gab es Abteilungen für die Kunst des 19. oder 20. Jahrhundert, für alte oder neue Kunst, für Kino, für Adler, für Finanzen und Öffentlichkeit. Die fiktiven Museen wurden an verschiedenen Orten gezeigt, wie Galerien, Privatwohnungen, Museen etc.

Ziel dieses Museums war die künstlerische Auseinandersetzung mit theoretischen und künstlerischen Positionen der Institution Museum selbst. Broodthaers schaffte einen Museumsrahmen, der anfänglich nichts zeigte ausser siche selbst. Ausstellungsinhalte (Themen einer Ausstellung) waren also irrelevant. Erst 1971/72 mit der Section Cinéma und der Section Figures kam der Inhalt dazu, trotzdem blieb sein Museum theoretisch.

1972 in der Kunsthalle Düsseldorf wandte sich Broodthaers dem Thema Adler (Aigles) zu. Die ca. 300 Gegenstände seines Museums zeigten entweder einen Adler oder Adler waren appliziert. Aus dem Begleitheft zur Ausstellung (1972):

"Das Publikum wird mit folgenden Kunstgegenständen konfrontiert: Adler aller Art, von denen ein Teil mit schwerwiegenden symbolischen und historischen Ideen befrachtet ist."

"Einerseits verkörpert er [der Adler] die Rolle einer gesellscahftlichen Parodie künstlerischer Hervorbringungen, anderseits die iner künstlerischen Parodie gesellschaftlicher Sachverhalte."
Der Adler als symbolträchtige Figur der Verflechtungen von Kultur, Macht, Politik und Kunst.

          

Im Gegensatz zu traditionellen Ausstellungen
- wurden die verschiedenen Objekte ohne chronologische oder inhaltliche Systematik gezeigt und
- jedes Exponat trug die Aufschrift "das ist kein Kunstwerk" in drei Sprachen (damit bezieht er sich auf Duchamp: Alltaggegenstände werden als Kunst deklariert und in den Museumskontext gestellt - und Magrittes Ceci n'est pas une pipe, der die Unterscheidung von Abbild und Abgebildetem unterstreicht).
Nicht der Adler war der eigentliche Inhalt der Ausstellung, er ist der Gegenstand, an dem die konzeptionelle Methode des Künstlers / der Künstlerin exemplifiziert wurde. Seine Abkehr von tradionellen Ausstellungen formulerit er explizit:

"Jede Ähnlichkeit der Adler mit solchen Museen anderer Art (...) ist zufällig, rein formal, unbeabsichtigt, existiert nur in de Einbildung oder ist ein Ereignis der Zivilisation - die Direktion lehnt jede Verantwortung ab."

"Das Konzept der Ausstellung basiert auf der Identität des Adlers als Idee mit der Kunst als Idee. Das Ziel ist, eine kritische Überlegung darüber nahezulegen, wie Kunst in der Öffentlichkeit präsentiert wird."

Konsequent war auf dem Titelblatt des Katalogs nur der Titel "Museum" geruckt, erst auf der Folgeseite erscheint der zweite Titel "Der Adler vom Oligozän bis heute".

Broodthaers Vorgehen ist eine poetische Systematik, statt ikonografische oder ikonologische Zuweisungen. Jürgen Harten schreibt dazu (Kurator in Düsseldorf):

"Was Broodthaers unter Ikonografie versteht, ist mir nie ganz klar geworden. Wahrscheinlich verhält es sich so: Die Bedeutung einer Adlersdarstellung ist dehnbar. Wenn man sie zu weit ausdehnt, verliert sie den Kontakt mit dem Bild. Oder: den Zweck ohne besondere Rücksicht auf das Ding, den Adler, auf eine ikonografische Ideen beziehen, das heisst für Broodthaers: Bildsein. Bei ihm stellen die Dinge die Fragen. Also Poesie statt Ikonografie."

Auch die Ausstellungskataloge nehmen sein Konzept auf: von der Struktur entsprechen sie den üblichen Ausstellungskatalogen, doch scheint weniger eine Klärung als eine Verwirrung der Zweck des Katalogs zu sein. Broodthaers mischt in seine Texte altertümliche Quellen, lexikografische Angaben usw. Beispiel:

"Der Adler ist ein Papiertiger ein schwächliches Ungeheuer. Er nistet in öffentlichen Museen. Das spiegelt sich auch in meinem fiktiven Museum, das ich 1968 gründete und dem ich den Namen Département des Aigles gab."

Broodthaars möchte erreichen, dass die Wahrnehmung der Rezipienten eines Kunstwerkes nicht durch die Katelogisierung und Ikonografisierung getrübt wird. Es soll nur die individuelle Wahrnehmung der Dinge geben. So gesehen kann amn Broodthaers Ausstellungen als interaktiv bezeichnen. Die Gegenstände werden ohne vorgefertigte Bedeutung geliefert, der Sinn der Ausstellung bildet sich erst durch die vielen Lesarten der BesucherInnen. Konsequent hat Broodthaers im Katalog der düsseldorfer Ausstellungeinen Teil unbedruckt gelassen für die Kommentare der BesucherInnen. Es gab eine bemerkenswert grosse Zahl an posutiven Reaktionen.

An der documenta 5 1972 wurde die Section d'Art Moderne gezeigt. Mit dieser Section finden die Aktivitäten des Musée d'Art Moderne Département des Aigles ihren Abschluss. Die Section beszeht aus einem Verkehrsschild, umgeben von Kordeln, wie sie in Museen verwendet werden. Die Inschrift lautet:
Propriété Privée
Privateigentum
Private Property

Seit den 70er Jahren gibt es Künstlerkuratoren. Dazu gehört auch Harald Szeemann, der künstlerisch für die documenta 5 zuständig war. Künstlerinnenkuratoren stellen nicht eigene Werke aus, sondern die Ausstellungskonzeption ist das Kunstwerk selbst. "Der Ort der Werke wird zum Werk", schreibt Szeemann übder Broodthaers (1983).

Literatur (Dissertation): Tobias Wall: Das unmögliche Museum (mit einem Kapitel über die Bedeutung von Broodthaers) >>

Biografie:

* 1924 in Brüssel (B) – gestorben 1976 in Köln (D).
Broodthaers, ursprünglich Dichter, war der erste Künstler, der sich intensiv mit dem Kunstkontext auseinandersetzte. 1969 eröffnet er in seiner Brüsseler Wohnung sein persönliches Museum, dessen Exponate aus nichts anderem als zugenagelten Kisten besteht. Semantik und Synthax von Sprache und Bild werden bei Broodthaers in einen bis dato unbekannten Systemzusammenhang gestellt. Nicht nur in der Analyse erweitert er Magrittes Erbe, sondern auch durch den Einbezug neuer künstlerischer Techniken wie Fotografie und Film. Beeinflusst von den ästhetischen Theorien Rimbauds oder Mallarmés zielt er auf eine Poetisierung des Alltags.

Quelle: Auszüge von Barbara Könches in: seeing time, http://on1.zkm.de/kramlich/broodthaers

 

 

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