documenta 5
Generalsekretär: Harald Szeemann

 

 

   Kassel 30. Juni bis 8. Oktober 1972


Museum Fridericianum in Kassel

   Harald Szeemann

documenta 5 (1972)

Leitung: Harald Szeemann; Besucher: 230000. Die documenta 5 markiert den bislang bedeutendsten Einschnitt in die Geschichte der Kasseler Ausstellung. So definierte der künstlerische Leiter Kunst primär als Ausdruck sozialer Phänomene. Das daraus resultierende Konzept »Befragung der Realität - Bildwelten heute« bezog auch Grenzbereiche künstlerischen Schaffens mit ein.
Die documenta 5 ist zu einem Mythos der Ausstellungsgeschichte des 20. Jahrhunderts geworden. Konzept-Art und Performance wurden erstmals breit gezeigt, Abteilungen zu Werbung, Kitsch, Politischer Propaganda oder Science Fiction brachen den üblichen Rahmen einer Kunstausstellung auf. Joseph Beuys zeigte kein künstlerisches Werk mehr, sondern diskutierte hundert Tage lang mit Besuchern in seinem Büro für »Direkte Demokratie«.

Aus der Dokumentation zur documenta 5:
"die documenta ist ein Fascinosum eigener Art. Ihr wichtigstes Merkmal ist ein Freiruam, der geschaffen ist, um Auseinandersetzungen der Gesellschaft sichtbar zu machen auf die eindeutigste Weise, nämlich in Bildern."

An der Documenta wurde ein Bereich des Ergeschiosses der Neuen Galerie unter dem Namen Museen von Künstlern geführt. Diese Museen stammten von:

Marcel Broodthaers: Mueée d'Art Moderne. Département des Aigles.
Herbet Distel: Schubladenmuseum
Marcel Duchamp: The Box in a Valise
Claes Oldenburg: Maus Museum
BEN Vautier: L'Armoir

Die diesjährige documenta 11 ist Harald Szeemann gewidmet.

Harald Szeemann

Harald Szeemann, 1933 in Bern geboren, zeigte schon als Schüler ein ausgeprägtes Interesse an Kunst, Theater, Musik, Philosophie und Literatur. Besonders der Dadaist Hugo Ball faszinierte ihn. Er studierte Kunstgeschichte an der Universität in Bern und an der Sorbonne.

Dann arbeitete er zunächst als Schauspieler, Bühnenbildner, Kunstmaler und Texter. 1961 übernahm er im Alter von erst 28 Jahren die künstlerische Leitung der Berner Kunsthalle. Schon damals galt sein Hauptinteresse der Erweiterung des bestehenden Kunstbegriffs und die Umsetzung für Ausstellungen. Beispielsweise ermöglichte er 1968 dem amerikanischen Künstler Christo mit der Verpackung der Kunsthalle die erste große Verhüllungsaktion. Heftig umstritten war 1969 seine der künstlerischen Avantgarde gewidmete Ausstellung "When Attitudes Become Form". Die Kritik veranlasste Szeemann, seinen Abschied von der Berner Kunsthalle zu nehmen.

Untätig blieb er aber nicht: Er gründete eine "Agentur für geistige Gastarbeit" und arbeitete fortan als freier Ausstellungsmacher.

Museum der Obsessionen
1973 stellte er sein persönliches Ausstellungskonzept unter dem Titel "Museum der Obsessionen" vor, ein nur in der Imagination existierende Museum, das Grenzen überwinden und kreative Energien visualisieren sollte.

Immer wieder machte er Ausstellung, mit denen er sich vom etablierten Kunstbegriff entfernte. Seine Ausstellung "Monte Verità" (1978) beispielsweise spiegelte alle geistigen Strömungen wider, die den Berg im Laufe der Zeit streiften, lauter Utopien im Dienst einer idealen Gesellschaft. Der Künstler Mario Merz meinte zu dieser Arbeit: "Eigentlich visualisierst du das Bordell von Anarchie und Theosophie, das wir alle im Kopf haben."

Neue Ideen für die Biennale von Venedig
In den 80er und 90er Jahren organisierte Szeemann Einzelausstellungen im Kunsthaus Zürich und Ascona und erfand für die Biennale in Venedig (1980) die "Aperto"-Ausstellungsreihe für junge Künstler. 1989 inszenierte er mit "Einleuchten" mit Werken der Großmeister der aktuellen Kunst wie Richard Serra, Georg Baselitz oder Bruce Nauman eine weitere bedeutende Themenausstellung. Die Hamburger Deichtorhallen wurden eigens zu diesem Zweck für 25 Mio. Mark umgebaut und boten den einen angemessenen Platz. 1997 bestritt er als Gastkurator die vierte Biennale zeitgenössischer Kunst in Lyon.

Als Direktor der Sparte "Visuelle Kunst" (1998-2002) bei der 48. Biennale von Venedig brach er 1999 nach Beobachtermeinung wiederum althergebrachte Strukturen auf. Szeemann ist vielfach mit renommierten Preisen ausgezeichnet worden, u.a. wurde er Officier de l'Ordre des Arts et des Lettres (97) und erhielt Max-Beckmann-Preis, Frankfurt/Main (2000). Er ist u.a. Mitglied der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg und lehrt als Dozent an der Accademia di Architettura, Mendrisio.

AUSSTELLUNGEN IM KUNSTHAUS ZÜRICH:

1978 Monte Verità – Berg der Wahrheit
1983 James Ensor
   Der Hang zum Gesamtkunstwerk
   Jörg Immendorff
1984 Sigmar Polke
   Alfred Jarry
1985 Spuren, Skulpturen und Monumente ihrer präzisen Reise
1986 Jean Fautrier
1987 Cy Twombly
   Eugène Delacroix
   Victor Hugo
   Charles Baudelaire
1988 Schiele und seine Zeit
1990 Georg Baselitz
   Richard Serra
1991 Visionäre Schweiz
1992 Walter de Maria
1993 Joseph Beuys
1995 Bruce Nauman
1995/1996 100 Jahre Kino: Illusion – Emotion – Realität. Die 7. Kunst auf der Suche nach 6 anderen.
1996/1997 Wunderkammer Österreich
1999/2000 Weltuntergang & Prinzip Hoffnung
   Walter de Maria – The 2000 Sculpture
2000 Naumann, sein eigener Nachbar (Carte-de-Visite 5)

Er starb 2005 in Zürich.

Museum der Obsession

„'Eine Struktur will von unten genährt sein. Wurzeln sollen sie füttern, ja tragen, auf dass sie simultan blühe, provoziere, dass sie durchdacht und hedonistisch ausufernd sei.'Dieses Bild von wuchernden Wurzeln, das wie von Gilles Deleuze klingt, ist tatsächlich frei erfunden. Es ist der erste Satz eines irrlichternden Textes, der sich Gedanken über Dada, Dauerwellen, Dialekt, Anton Dermota und Arnold Terminator macht, ein Sammelsurium über Österreich, das vor keiner Bizarrerie halt macht, eine kulturhistorische Wunderkammer, ein uferloses Kompendium, ein Gespinst aus Zitaten und Grotesken. Harald Szeemann hat ihn verfasst."

"Im durchwachsenen Dickicht findet er die besten Anregungen, in den Ritzen, Brüchen und Untiefen. So ist er etwa überzeugt, dass die lokale Volkskunst der wichtigste Gegenstrom zur hiesigen Hochkultur sei. Deswegen klappert der Kurator, der zuletzt noch 300 Flüge im Jahr absolviert, unermüdlich jedes Volkskunde- und Regionalmuseum Innerösterreichs ab, um neben seinen Spezereien auch noch die Öffnungszeiten und die Praxis ihrer Einhaltung zu notieren.


Gehortet, verzeichnet und gestapelt werden alle diese Informationen in einem kleinen Schweizer Ort in der Nähe von Locarno, namens Tegna, wo Szeemann mit seiner Frau, der Künstlerin Ingeborg Lüscher, lebt. Hier „meditiert“ er über den unzähligen Archivalien, studiert ihre Verzweigungen, Triebstrukturen und Koinzidenzen. „Museum der Obsessionen“ nennt er all seine Projekte. Zum „Museum der Obsessionen“ gerät ihm auch das eigene Archiv, jedoch will Szeemann unter dem Namen mehr einen imaginären Raum verstanden wissen. „Museum der Obsessionen“ bezeichnet einen nur denkbaren Ort, und Obsession darum auch keinen negativen Begriff, sondern eine „vorfreudsche Energiequelle, die sich keinen Deut darum schert, ob sie sich gesellschaftlich schädlich oder nutzbringend äußert oder anwenden lässt“. Dieses, sein Museum ist daher etwas, das niemals wirklich existieren kann, und doch eine „begehbare Welt“, in der es um mehrschichtige Bezüge geht, um Komplexitäten, die sich von den Mauern der tatsächlichen Museen nicht einschüchtern lassen.
Szeemann ist davon überzeugt, dass Kunst kein abgestecktes Ressort besetzen dürfe. Sie könne sich nicht abschotten, auf stilistische Gleichklänge einigen, nicht einmal ihre Trennlinie zur Nichtkunst festlegen."

"Jede Idee berge eine Fülle an Geschichten, und seine Arbeit verpflichte ihn, diese mit anderen in Beziehung zu setzen, sie als Knüpfwerk eines unendlichen Geflechtes auszuweisen. Beschränkungen sind daher ausgeschlossen.
Einzig über die Lokalisierung bieten sich Hinweise. Nach dem Muster mancher Gedächtnistricks verknotet Szeemann Gedankliches mit seiner geografischen Verankerung. Er sucht Mentalitätsräume, vom Balkan bis nach Belgien, von Chioggia bis nach China, regionale und lokale Entstehungen, Netzwerke und Kontexte und immer neue Kulminationspunkte, topografische Epizentren des Ungewöhnlichen."

 

Siehe kh >>

 

 

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