Ben Vautier

Der Schrank
1969

 

 

Sculpture Vivante (Lebende Skulptur)

Anfang der 1960er Jahre wurde im Kontext der Fluxusgruppe das Happening in neo-dadaistischer Form gegen den etablierten Kunstbetrieb inszeniert. Ben Vautier gehörte mit seinen humoristischen Selbstinszenierungen und Raumbemalungen immer zum Kern dieser Gruppe. Seine ›lebende Skulptur‹ zeigt genauso wie seine Ich-bezogenen Sätze und Statements auf den bis heute zumindest in der allgemeinen Öffentlichkeit wirksamen Geniebegriff der Kunst wie auch auf das Betriebssystem Kunst, zu dem die eigene Vermarktung gehört.

 

Ben signiert alles

Ben Vautiers Kunst, die er in den 1960er Jahren vor allem im Fluxus-Kontext realisiert hat, präsentiert eine theoretische Auseinandersetzung mit den Mechanismen der Kunst, des Kunstmarkts, der Rezeption. Viele seiner Arbeiten bestehen aus Schrifttafeln mit absoluten Äußerungen: Ich Ben ich signiere alles; Ich signiere nicht mehr, oder Alles ist Kunst; Abwesenheit der Kunst=Kunst; oder eben: Ben=Kunst. Damit ist er ein wichtiger nicht nur konzeptueller Wegbereiter der Performance-Kunst und eines erweiterten Kunstbegriffs.

 

God Box, 1962
Art is only a question of signature and date, 1972 Ausstellung >>

Ben Vautier präsentiert einen Sockel, der 1,20 Meter hoch und 30 Zentimeter breit und tief ist und kein Kunstwerk vom Boden erhebt. Vautiers Werk ist der Sockel.
Auf einem der Seitenwände notiert er: "If god is everywhere/ he is also in this box/ Box signed Ben/ and as God did/ Everything it is/ quite enough space for me/ Ben."
Ohne ein Kunstwerk im traditionellen Sinn zu produzieren, spielt er mit seinem auf einen der Seitenwände des Sockels geschriebenen Text auf die Vorstellung vom Künstler als Schöpfer an. Er lenkt die Aufmerksamkeit jedoch nicht auf ein geschaffenes Objekt, sondern auf das imaginär besetzte Innere des Sockels. Wie wird etwas zur Kunst? Nicht nur der Sockel wird zum Element der Zuschreibung, sondern auch die Signatur eines Künstlers.
In einem Siebdruck aus dem Jahr 1972 stellt Ben Vautier die These auf: "Art is only a question of signature and date".

Der Schrank

  

Der Schrank. Stedelijk Museum: Breaking the Rules 2006

"Ich wollte schon lange eine Offsetmaschine (CvR: um seine Zeitschriften zu drucken). Eines Tages schlug Arman, der meinen Wunsch kannte, mir vor, eine Offsetmaschine gegen einen Schrank umzutauschen, der alles enthielt, was ich signiert hatte:

- ich habe signiert den Begriff ALLES, 1958
- ich habe signiert die Kunst, 1959
- ich habe signiert die Aufgaben, 1958
- ich habe signiert Ereignisse, 1959
- ich habe signiert Gleichgewichtsstörungen, 1959
- ich habe signiert die lebende Skulpturen, 1959
- ich habe signiert das Fehlen, 1959
- ich habe signiert den Tod, 1960
- ich habe signiert die Löcher, 1960
- ich habe signiert die Krankheiten, 1960
- ich habe signiert die geheimnissvollen Schachteln, 1960
- ich habe signiert den Inhalt des Dictionnaire Larousse, 1960
- ich habe signiert das Ende der Wlt am 7. Juni 1961
- ich habe signiert die Kunstgeschichte, 1961
- ich habe signiert 2 Steaks und einen Salat 1962
- ich habe signiert die Zeit, 1961
- ich habe signiert die Fälschungen, 1961
- ich habe signiert Gott, 1961
- ich habe signiert leere Gelände, 1961
- ich habe signiert Gesten (Backenstreiche), 1961
- ich habe signiert mich anzumalen, 1961
- ich habe signiert Nichts zu tun, 1961
- ich habe signiert das Weltall, 1961
- ich habe signiert die anderen Künstler, 1962
- ich habe signiert die Lügen, 1961
- ich habe signiert die Wahrheit zu sagen, 1961
- ich habe signiert Unfälle und Katastrophen (Agadir), 1961
- ich habe signiert Fäulnis und Verwesung, 1962
- ich habe signiert Haufen, 1962
- ich habe signiert Nadelstiche, 1962
- ich habe signiert meine Unterschrift, 1962
- ich habe signiert lebende Schnecken, 1962
- ich habe signiert schmutzige GEwässer, 1962
- ich habe signiert die Seele, 1962
- ich habe signiert den Papst in Rom, 1962
- ich habe signiert das Geld, 1962
- ich habe signiert die Bäume, 1962
- ich habe signiert idiotische Gesten, 1962
- ich habe signiert andere Dinge, 1962
- ich habe mich signiert
- ich habe signiert die Eifersucht, 1962
- ich habe signiert die Fenster, 1962
- ich habe signiert die Kunst, 1962
etc.
"

Katalog documenta 5

 

Un demi mur d'idées

Ben Vautier sagt: Es gibt nichts Besseres, als zu sagen, daß ich aufgehört habe zu malen. Es gibt nichts Besseres, als aufhören zu denken, daß ich aufgehört habe zu malen. Es gibt nichts Besseres, als Schlafmittel zu nehmen und zu schlafen. Es gibt nichts Besseres, als aufhören zu schreiben. Es gibt nichts Besseres, als fernzusehen. Es gibt nichts Besseres, als Ihnen zu sagen, daß die Kunst nicht existiert. Es gibt nichts Besseres, als sich ins Bett zu legen und mit jemandem zu schlafen. Es gibt nichts Besseres, als in eine Geige zu pinkeln.

 

Biografie:

* 1935 in Naples, Ägypten.
Bis 1949 leben zwischen Ägypten und Frankreich.
1956-58 Bibliothekar und Auseinandersetung mit Kunst u.a. Y.Klein und Arman.
1959 Leidenschaft für Nouveau Réalisme. Brief an Sporri über die Theorie des Neuen [Manuskript].
1960 Einladung von J.Lepage zur Konferenz über »Tout et Rien« im Club des Jeunes.
1962 Art d´appropriation [in Besitznahme]. Kontakt zu G.Maciunas, Fluxus und Happening.
1964 Straßenaktionen. Gründung des Théâtre Total. Teilnahme am »Festival de la Libre Expression de Jean-Jaques Lebel«.
1965 viele Publikationen gegen alles was in der Kunst geschieht.
1970 erste Einzelausstellung in Paris.
1966-1970 Recherche über Post-Duchamp Einstellungen.
1972 Teilnahme an der d5 in Kassel und Luzern mit dem Magazin. Anschliessend im Guggenheim N.Y.1977 Centre Pompidou A propos de Nice.
1980-85 verliert die Kunst an Bedeutung , wendet sich den Kulturen zu und stellt Kollektionen in Koffern zusammen.
Seit 1990 Zusammenarbeit mit dem MAMAC in Nizza.
2000 Biennale in Lyon.
2001 In Strasbourg La vérité , in Lyon »Comment va ta vache« und Retrospektive im MAMAC »Je cherche la vérité«.

Bens Website: http://www.ben-vautier.com/

 

 

 

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