KOMPLEXE
KREATUREN
Gentechnologischer
Reduktionismus und utopische Handlungsräume im Kunstprojekt
[ A C T G ] enome
Christina von Rotz /
Franziska Kempf
Dieser Text wurde als Referat an der Tagung ‚Chaosmatische Anthropologie’
am 5. Juli 2003 in Berlin gehalten. Gleichzeitig war unser Projekt [ A C T G ] enome ausgestellt, auf das wir
während des Vortrages mehrfach verwiesen haben. In Ergänzung zum Text möchten
wir hier eine kurze Beschreibung von [ A C T G ] enome einfügen und auf die
ausführliche Dokumentation im Internet verweisen.
Die moderne Gentechnologie wird durch die Denkweise der
Informationstechnologie seit längerer Zeit beeinflusst. Die vorherrschende
Analogie war dabei die Annahme, dass die DNA eines Lebewesens ein Code, also
ein Programm, ist aus dem das ganze Leben entsteht. Diesen Code zu kennen
hiesse demnach, das Leben zu verstehen. In einer Draft-Version kennen wir das
menschliche Genome seit 2001 mit dem vorläufigen Abschluss des Human Genome Projects.
Wir wissen aber auch seit längerem, dass die Vorstellung, die DNA sei ein Code,
nicht stimmt und dieses Denken reduktionistisch ist. Leben ist komplex und kann
aus einem deduktiven Ansatz nicht erklärt werden. Trotzdem wird gerade im
gesellschaftlichen Diskurs an dieser reduktionistischen Vorstellung
festgehalten, ja sie schreibt sich zunehmend in das gesellschaftliche
Bewusstsein ein. Die Konsequenzen davon sind absehbar. Was die
Informationstechnologie nicht geschafft hat, könnte die Gentechnologie nun
perfektionieren: der Mensch als reine Information. Erst als Information wird
der Mensch restlos instrumentierbar, sei es durch wirtschaftliche Mächte oder
durch den repressiven Staatsapparat. Im schlimmsten Fall führt dies zu weiteren
Ausgrenzungsmechanismen, zur machtvollen Kategorisierung der Menschen.
Wir
sind mit Donna Haraway überzeugt, dass auch ein utopisches Potential der
Verbindung von Menschen und Technologie inhärent ist. Die Utopie einer
solidarischen Gesellschaft, die bisherige Kategorisierungen und Dualismen
auflösen könnte. Das fortschreitende eugenischen Bewusstseins kann aber erst
überwunden werden, wenn wir uns vom reduktionistischen, funktionalistischen
Denken verabschieden und die Komplexität, die Leben ausmacht, anerkennen. Das heisst
aber auch, die DNA nicht als Code des Lebens zu begreifen.
[ A C T G ] enome nimmt in einer installativen Anlage diesen Reduktionismus des DNA-Codes auf und lässt die BesucherInnen Gene manipulieren. Doch entzieht sich die Anlage der funktionalen, kontrollierenden Verbindung von Code-Manipulation und Reaktion. Wir verstehen die Anlage metaphorisch als Kreatur, die in sich permanent in Bewegung ist. Einflüsse von Aussen wirken sich auf die Kreatur aus, genauer auf ihr Verhalten. Sie kann diese äusseren Einwirkungen entweder ausgleichen oder gerät ins Strudeln. Im Innern dieser Kreatur kommunizieren die einzelnen Teile, aus denen sie besteht, ununterbrochen miteinander und wirken aufeinander ein, wie Zellen in einem biologischen Organismus. Auf diese Weise wird auch die Gen-Manipulation von aussen an die Kreatur-Mitglieder kommuniziert, die entsprechend darauf reagieren. [ A C T G ] enome arbeitet also nicht mit dem Code, sondern, um metaphorisch zu bleiben, mit dem Text der Kreatur. Text ist der eingeschriebene gesellschaftliche Diskurs, ob wir die DNA als Code betrachten wollen, oder in seinen komplexen Beziehungen und Wirkungen wahrnehmen.
www.crossingselves.ch/kreatural/
VORTRAG
"Cyborgs sind kybernetische Organismen, Hybride aus Maschinen
und Organismus, ebenso Geschöpfe der gesellschaftlichen Wirklichkeit wie der
Fiktion. Gesellschaftliche Wirklichkeit, d.h. gelebte soziale Beziehungen, ist
unser wichtigstes politisches Konstrukt, eine weltverändernde Fiktion."(1)
In diesem Zitat von Donna Haraway
aus dem ‚Cyborg Manifesto’ von 1984 werden drei Ebenen der Cyborgs angedeutet,
die uns durch unser Referat begleiten werden. Zuerst sind sie auf der formalen
Ebene eine Verbindung von organischen Wesen mit Maschinen, auf der inhaltlichen
Ebene sind sie gesellschaftliche Wirklichkeit oder manifestieren sich im
gesellschaftlichen und individuellen Bewusstsein und, was Haraway mit
weltverändernder Fiktion bezeichnet, ist die Ebene der Handlungsmöglichkeit,
Cyborg-Politik zur Aufweichung des alten dichotomischen Denkens und als Weg, in
feministischem und marxistischem Sinne zur Fiktion einer solidarischen
Gesellschaft zu finden.
In unserem Projekt [ A C T G ] enome
sind wir der Cyborg gefolgt und haben uns auf den Ebenen der Form, des Inhalts
und der Handlung mit dem Thema Gentechnologie und ihrer Verbindung zur
Informationstechnologie beschäftigt. [ A C T G ] enome ist ein Essay, im
wörtlichen Sinne ein Versuch, dieses Thema in der Tiefe der Praxis zu erkunden.
Während der Vorbereitung zu dieser Tagung wurde
uns erst richtig bewusst, welches Risiko wir mit unserem Projekt und mit der
Annahme der wohlwollenden Einladung Bernd Ternes zur heutigen Tagung
eingegangen sind. Das Risiko und die Herausforderung bestehen darin, dass wir
uns thematisch genau damit beschäftigen, womit wir uns auszudrücken versuchen.
Das Medium, die Maschinen der Informationstechnologie, wird gleichzeitig zum
Ausdrucksmittel und Thema. Wir haben als Autorinnen keine Möglichkeit mehr
herauszutreten, mit dem Blick von aussen das Geschehen zu beobachten und zu
analysieren. Wir sind immer mitten drin.
Wenn ich hier stehe und Ihnen unseren Text
vortrage, hat er immer auch mit der künstlerischen Skizze unserer Arbeit zu
tun. Text und Praxis sind rückgekoppelt, beeinflussen sich gegenseitig
untrennbar. Wir werden deshalb nicht nur über unser Thema Gen- und
Informationstechnologie reden, sondern gleichzeitig das Medium selbst im Auge
behalten müssen.
Die erste formale Ebene unserer Cyborg ist der
Code, das innerste Zentrum, um das herum sich alles bewegt und in Frage
gestellt wird. Code ist die Basis der Informationstechnologie und wurde mit dem
Begriff Gencode in die Molekularbiologie eingeführt. Code oder Programm ist
aber auch der Kern unseres Mediums.
Das Medium, mit dem wir arbeiten, wird
unterschiedlich benannt: Neue Medien, digitale Medien, Computer als Medium,
etc. Wir möchten hier den Ausdruck codebasierte
Medien verwenden, weil eines der zentralen Charakteristiken der Code
ist, der in diesen mediatisierten Maschinen prozessiert wird. Wir reden von
Computern und Apparaten, die mit Computern fähig sind zu kommunizieren. Diese
Maschinen verarbeiten in ihrem Innersten immer nur den binären Code. Alles, was
uns noch so wundervoll anmuten mag auf der Oberfläche der Screens, ist
letztlich determiniert aus dem Code. Darum kann man die Struktur dieser
Maschinen auch als hierarchisch bezeichnen.
Die Struktur der Computer, wie wir sie heute kennen, basiert
auf dem Modell John von Neumanns, wie er sie in den 40-er Jahren des
letzten Jahrhunderts entwickelt hat. Dabei beruhten seine Entwürfe auf den
damaligen Vorstellungen einfacher biologischer Systeme. Umgekehrt wurde die
Molekularbiologie von der modernen Informationstechnologie beflügelt und sie
adaptierte informationstheoretische Denkmodelle in ihre Forschung. Damit fand
die Vorstellung des Codes Einzug in die Genetik. Der Mensch und jedes andere
Lebewesen wurden fortan über Jahrzehnte hinweg als aus dem Gencode determiniert
aufgefasst. Lebewesen wurden maschinen-ähnlich gedacht und zum Cyborg gemacht.
Wir möchten diese Entwicklung nun genauer nachvollziehen.
Die Verbindung der beiden Wissenschaften nahm in der
postmodernen Informationstheorie zur Zeit des Zweiten Weltkrieges ihren Anfang.
Drei Namen sind mit dieser Entwicklung eng verknüpft: Claude Shannon, John von
Neumann und Norbert Wiener. John von Neumann beschäftigte sich mit dem Bau
selbst-produzierender Automaten, deren Model auf dem damaligen Verständnis
einfacher biologischer Systeme basierte. Er entwickelte Modelle zur künstlichen
Intelligenz und neuronalen Netzwerken. Claude Shannon formulierte eine
mathematische Informationstheorie, die nur noch aus reiner Syntax oder Struktur
besteht, d.h. Inhalt oder Semantik fallen weg. Norbert Wieners
Kybernetik schliesslich versucht die ‚ Regelung und
Nachrichtenübertragung im Lebewesen und in der Maschine'(2) zu ergründen.
Gerade wegen dieser Verbindung von Informationstheorie und Biologie
interessierten sich Molekularbiologen für diese Entwicklungen und hofften auf
fruchtbare Impulse zur Erklärung, was Leben ist.
1953 war das Schlüsseljahr der Molekularbiologie, als James Watson
und Francis Crick ihren Artikel zur Doppelhelix publizierten (Doppelhelix ist
die chemische und räumliche Struktur der DNA). Darin schreiben sie, dass die
Struktur der DNA auch der Code ist, der genetische Informationen trägt.
Euphorisch formulierte Francis Crick das ‚zentrale Dogma' der Molekularbiologie
wie folgt: "Die DNA macht die RNA, die RNA macht
Protein, und die Proteine machen uns."(3)
Das heisst nichts anderes, als dass die DNA die gesamte Information, den
Bauplan, eines Lebewesens in sich trägt. Über Transkriptionen und Translationen
wird daraus ein bestimmter Phänotyp erzeugt. Damit floss die Sprache und die
Denkweise der Informationstheorie in die Genetik ein: Information, Programm,
Code.
Diesen Prozess von der DNA zum Protein stellte man sich etwa so
vor: Jedes Chromosom enthält ein DNA-Molekül, das sich aus einer Abfolge von
vier verschiedenen Nucleotidbasen zusammensetzt. Diese vier Basen werden mit
den Buchstaben A (Adenin), C (Cytosin), G (Guanin) und T (Thymin) bezeichnet.
Der Transkriptionsprozess überträgt nun die Information der codierenden DNA auf
ein RNA-Molekül. Je drei nachfolgende Nucleotidbasen (Basentriplett oder Codon)
der RNA codieren in einem Translationsprozess eine Aminosäure, die an eine
wachsende Proteinkette angeheftet wird und ein Proteinmolekül bildet.
In dieser Denkweise war der Auftrag, den Crick dem ‚RNA Tie Club'
erteilte, nur konsequent: 20 namhafte Wissenschaftler sollten den DNA-Code
knacken. ('RNA Tie Club' nannten sich diese Wissenschaftler, weil jeder von
ihnen seine zu entschlüsselnde Aminosäure auf der Krawatte trug.) Man ging
davon aus, dass zwischen den vier Nucleotidbasen und den 20 Aminosäuren eine
Relation besteht, die mit kryptografischen Methoden entschlüsselt werden kann.
Das Unternehmen scheiterte, weil die DNA eben kein Code, also Programm, zur
Codierung der Aminosäuren ist. Trotzdem wurde weiter an der Sprache und
Denkweise der Informationstheorie festgehalten, sie hat sich sogar für die
wissenschaftliche Forschung als fruchtbar erwiesen. So wurden vereinfachte
Annahmen bis heute dauernd revidiert und durch komplexere Modelle ersetzt. Das
Human Genome Project ist das aktuellste Grossprojekt, das diese Verbindung von
Informations- und Gentechnologie fortsetzt, ja wo die DNA erst vollständig zur
Information wird.
1990 wurde HUGO, das Human Genome Project, mit dem Ziel
gestartet, das menschliche Genom zu entschlüsseln. Im Februar 2001 wurde die
erste vollständige Analyse der menschlichen DNA vorgestellt, d.h. die
DNA-Sequenzen mit ihren Basen und den Genen, die darauf liegen. An HUGO
arbeiten mehrere Forschungsteams in verschiedenen Ländern, die ihre Ergebnisse
gegenseitig prüfen und u.a. im Internet publizieren. Die DNA ist nun reine
Information, abgelegt in öffentlich zugänglichen Datenbanken. Seither schiessen
neue Forschungsinstitute und Firmen nur so zum Boden heraus, die mit
Informationstechnologien die DNA analysieren und deren wissenschaftlicher und
wirtschaftlicher Nutzen prüfen.
Mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms konnte die
Illusion nicht mehr weiter aufrechterhalten werden, dass wir den Schlüssel des
Lebens in den Händen halten, was schon vor HUGO grundsätzlich bekannt war.
Leben ist weit komplexer und kann nicht allein aus dem Gencode erklärt werden.
Trotzdem wird an diesem Reduktionismus festgehalten. Z.B. finden sich in den
Medien immer noch Ausdrücke wie ‚das genetische Programm' oder ‚das Buch des
Lebens'. Nicht zuletzt die Politik operiert mit veralteten Prämissen, wie der
Revisionsentwurf (Stand 2002) des Bundesrates in der Schweiz zur Patentierung
zeigt (die Schweiz steht hier politisch nicht alleine). Ein Gen wird dort
definiert als "ein Abschnitt auf der Erbsubstanz
(DNS), in dem die Information für die Produktion eines Proteins (...)
gespeichert ist. Über diese Produkte bestimmen die Gene sowohl die Struktur als
auch sämtliche Stoffwechselvorgänge eines Organismus".(4) Bedenklich an einem
solchen Patentrecht ist, dass bereits die Entdeckung eines Gens und ein
möglicher Zusammenhang mit einer Krankheit oder Funktion zur Patentierung
reicht und damit die Kausalität von Gen(e) und Krankheit / Funktion
festgeschrieben wird. Gleichzeitig wird die weitere Forschung an einem Gen
durch hohe Patentzahlungen behindert oder verunmöglicht. Doch gerade die
Erforschung der komplexen Wechselwirkungen von Genen, Proteinen und
Umwelteinflüssen ist unseres Erachtens eine der Bedingung, eine nicht-reduktionistische
Technologie der Gene zu entwickeln. Wäre dies einzig ein Phänomen der reinen
Wissenschaft, würde es die Gemüter nicht dermassen erhitzen oder gar
gesellschaftliche Ängste schüren. Die Gentechnologie hat längst das
wissenschaftliche Labor verlassen und wirkt sich in der Gesellschaft aus.
Barbara Duden illustriert die Entwicklung des
gesellschaftlichen Code-Bewusstseins folgendermassen: „Die
Fähigkeit der Wissenschaft, die Sache eindeutig zu definieren, verschwand im
gleichen Rhythmus, in dem inzwischen auch hinterwädlerische Laien
herunterrattern können: ‚In jeder Zelle unseres Körpers sind es die Gene, die
den ganzen Bauplan des Menschen ausmachen.’ Das Genom wird so immer häufiger
zur Erklärung für eine Eigenart, zum Ursprung und zur Ursache fürs Dasein, für
alles und jedes verwendet. Aufs ‚Ich’ bezogen droht das Gen-Gerede das
Persönliche, Moralische, Einzigartige meines So-Seins und Handelns durch die
biologische Deutung der eigenen Lebensführung zu entwerten.“(5)
Der Phänotyp eines Menschen ist nicht deterministisch aus
dem Gencode ableitbar. Das Subjekt, die Persönlichkeit, ist keine Funktion der
Gene. Allenfalls besteht ein statistischer Zusammenhang, die Wahrscheinlichkeit
einer Korrelation.
Gegen diesen Code-Determinismus und den gentechnologischen
Reduktionismus zu arbeiten, ist eines unser Anliegen in [ A C T G ] enome. Was
die Informationstechnologie bisher nur unvollständig geschafft hat, könnte die
Gentechnologie perfektionieren: der Mensch wird zur reinen Information. Erst
als Information wird der Mensch restlos instrumentier- und kontrollierbar.
Diese Codierung von organischen Wesen findet nicht einfach nur ausserhalb der
Subjekte statt, sondern ist gerade darum so umfassend, weil das Bewusstsein und
Denken der Menschen selbst infiltriert wird. So stellt z.B. die Gruppe
Critical Art Ensemble fest, dass das eugenische Bewusstsein im Zunehmen
begriffen ist.(6)
Dieser Cyborg ist die Verschmelzung von codierten Menschen
und codebasierten Maschinen. Die Kommunikation funktioniert perfekt, weil sie
auf einem eindeutigen Code basiert. Diese Cyborgs bevölkern zuhauf die Science
Fictions, wie z.B. aktuell die Filme ‚The Matrix’ und ’The Matrix Reloaded’.
Mit Haraway sind wir aber
überzeugt, dass die Verbindung von Menschen und Maschinen nicht zu diesem
Schreckensszenario führen muss, dass eine andere Art Cyborg möglich ist, die
vielleicht sogar utopisch zur Auflösung von Dichotomien und Grenzen führen
kann.
Diese Cyborg wollen wir näher betrachten und
hinterfragen. In unserer Arbeit [ A C T G ] enome sind wir zweifach mit dieser
Frage konfrontiert. Einerseits wollen wir auf der inhaltlichen Ebene auf die
Gefahr des gentechnologischen Reduktionismus und seine Folgen hinweisen,
anderseits ist die formale Anlage unserer Arbeit eine Koppelung von UserInnen
und Maschinen durch die Interaktion. Wenn die codebasierten Maschinen nicht
einfach ein Tool, z.B. zur Wissensabfrage, sondern ein Medium sind, existiert
das Kunstwerk gerade dadurch, dass die Userin mit den Maschinen interagiert und
sie somit Teil des Werkes wird. Es stellen sich Fragen nach dem Interface, der
Schnittstelle zwischen User und Maschine.
Zuerst wollen wir genauer fragen, welche
Unterschiede zwischen Mensch und Maschine auf der strukturellen Ebene bestehen.
Wenn der Mensch kein Programm, kein Code ist, was ist er dann? Wir
möchten hier den Begriff Kreatur verwenden in Anlehnung an
Hans Peter Webers ‚Kreaturdenken’.(7) Sein Text war für uns eine
wichtige Quelle der Inspiration zur Auseinandersetzung mit unserem Thema.
Eine Kreatur ist ein vierpoliges Gefüge, ohne
die eine Kreatur nicht existieren könnte. Es sind die Pole: Virtuosität (V),
Konsistenz (K), Organisation (O) und Formation (F). Fehlt einer dieser Pole,
fällt die Kreatur in sich zusammen. Die Pole sind untereinander verbunden durch
Spannungen, Kräfte, die Weber mit Schied und Chroma bezeichnet. Schied ist die
Differentiation, Chroma die Kohäsion, Relation. Eine Kreatur steht also unter
der Spannung zwischen Differenz und Integration und zwar sowohl in ihrem Innern
als auch unter äusseren Einflüssen. Sie muss die Unterscheidung zwischen Eigen-
und Umwelt leisten und dabei permanent die Wirkungen der Umwelt im Innern
ausgleichen. Sie muss aber auch ihre inneren Spannungen in einem relativen
Gleichgewicht halten. Eine Kreatur ist immer in Bewegung, prozessiert
permanent.
In der Installation [ A C T G ] enome haben wir
auf unsere Weise eine Kreatur umgesetzt. Die vier Pole Virtuosität, Konsistenz,
Organisation und Formation sind in Form von vier zusammenhängenden Projektionen
sichtbar und sind ohne äusseren Einflüsse dauernd in Bewegung, gleichen ihre
innere Spannung zwischen Anpassung und Abgrenzung aus. Äussere Einflüsse wirken
durch die Bedienung des Interface auf diese Kreatur ein, indem die BesucherInnen
das menschliche Genome manipulieren.
Vernetzte Kreaturen
Eine Kreatur steht aber nicht alleine da, sie
ist vernetzt mit anderen Kreaturen. Gleichartige Kreaturen treten in Schwärmen
auf, sie kommunizieren miteinander. Indem auf eine Kreatur Einflüsse aus der
Umwelt einwirken, die sie in ihrem innern zwischen Differenz und Integration
auszugleichen versucht, prozessiert sie gleichzeitig Signale an ihre Um- und
Mitwelt. Wir möchten dies am Beispiel der Zellkommunikation veranschaulichen.
Ein Mensch besitzt etwa 10 Billionen Zellen. Es
ist einsichtig, dass diese immense Anzahl an Zellen nicht über einen Master
gesteuert werden kann, besonders wenn man sich die Geschwindigkeit, mit der
Zellen reagieren können und müssen, vor Augen führt. Ein anderes Kommunikationssystem
ist notwendig.
Eine Zelle
kommuniziert rege mit unmittelbaren und weit entfernten Nachbarn. Sie führt
Selbstgespräche und verändert sich zuweilen auch selbst. Jede Zelle hat ein
eigenes Set an Kommunikationsmöglichkeiten. Zellen führen ‚Ferngespräche’ über
längere Distanzen. Z.B. wird der Botenstoff Adrenalin in den Nebennieren
hergestellt, ins Blut als Transportmittel abgegeben und von weit entfernten
Muskelzellen ‚gelesen’. Die Muskelzellen setzen sich in Alarmbereitschaft. Wenn
eine Immunzelle auf körperfremdes Eiweiss stösst, gibt sie sich selbst das
Signal, sich zu vermehren, um das fremde Eiweiss zu zerstören.
Jede Zelle wird permanent überflutet von
Signalen und Reizen. Wie reagieren sie darauf? Die Forschung steht hier erst am
Anfang und kann erst Hypothesen liefern. Eine gängige Hypothese stellt sich die
Kommunikation etwa so vor: Ein Botenstoff-Protein gelangt zu einem der
Empfangs-Proteine einer Zelle. Das Empfangs-Protein ändert darauf seine
Struktur, die besagt, ob eine Nachricht an eigene Proteine weitergeleitet
werden soll oder nicht. Wird die Nachricht weitergeleitet, informieren diese
Proteine weitere Botenstoff-Proteine, die eine ganze Kommunikations-Kaskade
auslösen.
Unter Umständen werden auch Proteine aktiviert,
die die Gene kontrollieren. In der Folge werden bei der Transkription bestimmte
Gene an oder ausgeschaltet, was zur Herstellung neuer Proteine führt. Diese
Verändern das Verhalten der einzelnen Zelle. Es wird vermutet, dass 500 bis
1000 solcher Signal-Proteine in einer Zelle lagern. Man kann daran erahnen,
welche komplexen, hochgradig vernetzen Kommunikationen im Zellverband eines
Menschen ablaufen dürften. Funktioniert die Kommunikation nicht mehr richtig,
hat das meist verheerende Folgen auf den gesamten Organismus.
Jede Zelle ist eine Kreatur und bildet als
Gesamtsystem wieder eine Kreatur, nur höher raffiniert: der Mensch. Analog der
Zellkommunikation kann man sich die Kommunikation, die Prozesse, die auf diese
Kreatur einwirken vorstellen, z.B. wenn wir die Kreatur Gesellschaft betrachten
mit ihren Kreaturen Menschen.
Maschinelle Kommunikation
Zurück zu unserer Cyborg. Auf der einen Seite
haben wir komplexe Kreaturen, die wir mit codebasierten Maschinen koppeln
wollen. Wie kommunizieren nun aber Maschinen. Als kleine Illustration möchten
wir in die Blackbox unserer technischen Kreatur von [ A C T G ] enome blicken
und die maschinelle Kommunikation erläutern.
Virtuell ist jeder Pol unserer Kreatur eine
Maschine. Eine weitere Maschine ist die Umwelt, die auf diese Kreatur einwirkt
und von ihr umgekehrt auch beeinflusst wird. Es wäre nun sinnvoll, das
Kommunikationsverhalten dieser Maschinen analog der Zellkommunikation zu
gestalten. Das würde bedeuten, dass jede Maschine ihre je eigenen Signale
ausendet, die anderen Maschinen diese empfangen, darauf reagieren und wieder
Signale an alle ausenden. Es funktioniert jedoch anders. Wir benutzen ein
sogenanntes Multi-User-Environment, das im Prinzip die Kommunikation zwischen
mehreren Maschinen gleichzeitig erlaubt. Dies ist aber nur eine Simulation.
Denn wir müssen eine Maschine als Server oder Master definieren, über die
sämtliche Nachrichten laufen. Diese Master-Maschine entscheidet auf Grund ihrer
Programmierung, an welche Client-Maschinen sie die Nachrichten wie weiterleiten
will. Die Client-Maschinen führen dann die Befehle aus und schicken wiederum
Nachrichten an den Server, der entscheidet, was zu tun ist. Auf der Oberfläche
der Screens wird diese hierarchische Struktur verwischt, sie simuliert das
Maschinen-Gerede.
Kunst – codierte Interfaces
Wenn wir uns als Künstlerinnen mit der
Verbindung von Mensch und Maschine beschäftigen, haben wir das Problem, dass
sich auf der formalen oder strukturellen Ebene zwei völlig unterschiedliche
Systeme gegenüber stehen. Einerseits der Mensch, eine heterarchische, komplexe
Kreatur, anderseits codebasierte Maschinen, ein hierarchisches und allenfalls
kompliziertes System.
In der Kunst der Neuen Medien wurden unzählige
Werke geschaffen, die auf der strukturellen Ebene mit der direkten Verkopplung
von Mensch und Maschine arbeiten. Meist wird dabei eine Ausdrucksform der
Userin in einen digitalen Code übersetzt, den die Maschinen verarbeiten können.
Z.B. kann die Position eines Users im Raum über Kameras getrackt, die
Augenbewegungen zur Steuerung benutzt oder die Handlinien gescannt werden. Ich
habe selbst eine Installation gestaltet, in der wir mit einem EEG-Gerät die
Hirnwellen der BesucherInnen gemessen haben. Die Daten dieser Messungen wurden
zur Dechiffrierung eines Bildes benutzt.(8)
Von einer komplexen Struktur über einen
entsprechenden Apparat Daten in ein codebasiertes System einfliessen zu lassen,
ist relativ simpel und harmlos. Das umgekehrte, den Output eines höchstens
komplizierten Systems auf eine komplexe Kreatur rückfliessen zu lassen, ist
weit schwieriger und riskanter. Der Künstler Stelarc (9) verbindet seinen
Körper mit Maschinen und lässt ihn von aussen steuern. In seinem Projekte
„Dritte Hand“ hat er seine Arme und Beine mit Muskel-Stimulatoren verkoppelt.
Über einen Touch Screen konnten BesucherInnen die Bewegungen seines Körper
steuern. Er selbst hatte nur noch die Kontrolle über eine technische dritte
Hand, die er mit einem Beinmuskel steuerte. Er sagte dazu:
„Die Performance war für mich wieder eine extreme Erfahrung. Man
sieht die Bewegungen des eigenen Körpers, ohne daß man sie selber veranlasst
hätte, ohne dass man sie kontrollieren könnte. Ich konnte das Gesicht der
Personen sehen, die meine Bewegungen steuerten. Das erzeugt eine intime
Beziehung. Es entsteht eine Bewegung ohne Erinnerung und ohne Wunsch.“ (10)
In unserer Betrachtungsweise wird Stelarc zur
Extension von Maschinen, zum Code. Wir haben hier wieder den bereits erwähnten
Cyborg, wo die Verbindung von Mensch und Maschine zur codierten Kreatur wird. Uns
interessiert aber das Umgekehrte. Wie können komplexe Kreaturen in
künstlerischen Werken mit Maschinen gekoppelt werden, ohne dass der Mensch
selbst zum Code wird.
Stelarc machte eine verblüffende Erfahrung in
seiner Performance: seine
Bewegungen waren ohne Erinnerung und ohne Wunsch. Ist aber nicht gerade
die Erinnerung eine der Qualitäten von komplexen Kreaturen, mit anderen Worten,
das Bewusstsein von Zeit und damit verbunden die Fähigkeit zur Handlung? Wenn
wir in unserer Arbeit die Codierung des Menschen thematisieren wollen,
konkretisiert in der Gentechnologie, müssen wir nicht gerade das Bewusstsein
der UserInnen mit unserem Werk anzusprechen versuchen?
Maurizio
Lazzarato hat sich näher mit Henri Bergson und dessen Bildtheorie
auseinandergesetzt: „Wenn die Aussage von Nam June
Paik richtig ist, dass die Videotechnologie 'nicht die Natur, sondern die Zeit
imitiert', dann könnten wir sagen, dass die Technologien, die uns
interessieren, die verschiedenen Kontraktionssynthesen der Zeit imitieren.“
(11)
Lazzarato
übernimmt den Begriff Synthese von Gille Deleuze. Synthetisiert wird die
vergangene Zeit in der Gegenwart durch Wahrnehmung und Erinnerung. Deleuze
unterscheidet zwischen der materiellen und der spirituellen Synthese. Die materielle
Synthese produziert Wahrnehmungsbilder - auf den Begriff ‚Bild’ werde ich noch
zu sprechen kommen - indem diskontinuierliche Formen in der Zeit produziert
werden. Es ist die Form der Dauer, aber nicht als Kontinuum, sondern in
unabhängige, aktuelle Elementen zerlegt. Z.B. sind die einzelnen Bilder eines
Films die Wahrnehmungselemente. Die spirituelle Synthese dagegen bildet
kontinuierliche Formen in der Zeit und produziert Erinnerungsbilder. Diese
beiden Synthesen können zusammen als Gedächtnis aufgefasst werden, wobei die
materielle Synthese eher ein passives erleben ist, die spirituelle dagegen ein
aktives oder 'intelligentes Wiedererkennen' oder auch Bewusstsein.
Gedächtnis
heisst die Erhaltung und Anhäufung der Vergangenheit in der Gegenwart, also
eine Kontraktion der vergangenen Zeit in der Gegenwart. Gleichzeitig ist das
Gedächtnis auch eine Antizipation der Zukunft, eine Ausdehnung der Zeit, und
das bedeutet Handlungsfähigkeit. Mit
Kontraktionssynthesen der Zeit sind also der Zusammenzug der
Vergangenheit in der Gegenwart und die Vorwegnahme der Zukunft gemeint. Bilder,
wie Bergson diesen Begriff verwendet, sind folglich nicht einfach eine optische
Wahrnehmung, sondern immer der Zeit untergeordnet. Erst die Synthese der Zeit
schafft Gedächtnis und Bewusstsein, das Bilder wahrnehmen, erinnern und
produzieren kann. Bilder sind Synthesen der Zeit.
Der
Videokünstler Bill Viola hat zu seiner Arbeit bemerkt:
„Verlangsamt man dank der neuen elektronischen Werkzeuge
die Zeit, überschreitet man automatisch eine Schwelle, verlässt die
physikalische Welt und begibt sich auf die metaphysische Ebene. Abgesehen von
der Technologie gibt es nur einen Ort, an dem sich Zeit verlangsamen lässt, und
das ist das menschliche Bewusstsein. Wenn ich also im Schneideraum die Zeit
verändere, wird das Bild automatisch in den Bereich der subjektiven Wahrnehmung
verlagert - in eine mentale, nicht optische Bilderwelt. Man kann also von einem
veränderten Zustand sprechen, der viel mit Erinnerung zu tun hat.“ (12)
Die
Zeitsynthesen finden in Körpern statt. Sie werden nach Deleuze
Zeitkristall genannt. Durch Handlung produzieren die Körper Bilder, die
von anderen Körpern aufgenommen werden. Handeln heisst, Bilder zu produzieren.
Wir können diesen Ablauf auch so ausdrücken: Eine Bewegung trifft auf einen
Körper, der durch die Fähigkeit zur Synthese und damit zur Bildung von
Gedächtnis / Bewusstsein, wiederum eine Bewegung ausführt. Oder als Bild
formuliert: Ein Bild trifft auf einen Körper und dieser produziert wiederum ein
Bild. Zwischen der empfangenen und ausgeführten Bewegung eines Körper liegt
allgemein gesagt eine Kraft. Sie ist Gedächtnis, Gewohnheit, Empfindung, Wille
etc.
Für
Bergson ist „die Welt (..) ein Strudel von Bildern.
Es gibt nichts anderes als Bildströme, die sich treffen, sich überschneiden,
sich reflektieren, die sich zusammensetzen und in ihre Bestandteile zerlegen.“(13)
Und
zwar geschieht dies in Punkten, die Körper sind, vielleicht auch Zeitkristallisationsmaschinen.
Die
codebasierten Medien imitieren diese Synthese der Zeit, darum kann man sie auch
Zeitkristallisationsmaschinen nennen. Ein Bild wird im Computer mittels eines
Codes kristallisiert. Am deutlichsten wird dies durch die direkte Interaktion.
Wenn eine Person mit dem Computer interagiert, simuliert die Maschine die
Synthesefähigkeit.
Da es
nicht um eine visuelle Wahrnehmung von Bildern, sondern um die Aktivierung des
Gedächtnisses und des Bewusstseins geht, kann der Begriff Bild auch durch Töne,
durch haptische Schnittstellen, durch alle Apparate, die eine Schnittstelle
zwischen Mensch und codebasierten Maschinen bilden können, ersetzt werden.
Betrachten
wir die Mechanismen in Maschinen etwas genauer:
In codebasierten Medien laufen diskontinuierliche Prozesse mit diskreten
Elementen ab. Diese Medien können also nie ein Kontinuum der Zeit
synthetisieren, d.h. sie produzieren keine Erinnerungsbilder. Sie haben aber
eine andere Möglichkeit, ein Kontinuum der Zeit zu simulieren, indem sie die
Zeit verräumlichen. Jedes wellenförmige Phänomen kann mit diesen Maschinen
kristallisiert werden. Z.B. haben wir im oben beschriebenen Projekt die
Hirnwellen gemessen, sie mit der Fourier-Transformation in diskontinuierliche
Einheiten zerlegt und im Datenraum der Maschine abgelegt. Dieser Prozess ist
reine Wahrnehmung. Die Maschinen sind fähig, Erinnerungsbilder aus der
verräumlichten Zeit zu simulieren. Wir können die diskreten Elemente der
Hirnwellenmessung zu jeder Zeit als kontinuierliche Wellen darstellen.
Eine
Userin dagegen kann nicht nur die Wahrnehmung in der Zeit synthetisieren,
sondern auch die Bewegung oder Kraft, die von einem Bild ausgeht. Damit wird
ihr Gedächtnis und Bewusstsein aktiviert. Das Bild erzeugt Wahrnehmung und
Erinnerung. Und dieses Verhältnis von Wahrnehmung und Kraft bezeichnet Bergson als
intellektuelle Arbeit. Die Verdichtung der Zeit führt zur Ausdehnung der Zeit
und damit zur Handlungsmöglichkeit, was bei interaktiven Medien eine wichtige
Voraussetzung ist, ein Kunstwerk zu erkunden.
Das
Modell, dass Bilder Synthesen der Zeit produzieren, beschreibt eine Cyborg, die
weder versucht, den Menschen zu codieren, noch die Maschinen zu intelligenten
Wesen zu formen (Verweis: Turing-Test, um festzustellen, ob eine Maschine
intelligent ist). Es wird nicht versucht, eine direkte Koppelung zu beschreiben,
sondern die Zeit und ihre Synthesen werden als Mittel und das Bild als Ausdruck
zur Beschreibung eingeführt. Das Hybride, das was dazwischen ist, ist das
virtuelle Bild. Virtuell wird im Gegensatz zu aktuell verwendet und meint die
Möglichkeit, aus einem Code ein Bild unendlich oft zu erzeugt. Kopien ohne
Original.
Fragen
Uns, aus
der Perspektive der Künstlerinnen, die wir uns mit diesen Technologien auch
praktisch in der Arbeit [ A C T G ] enome auseinandergesetzt haben, bleiben
aber immer noch einige Fragen, die wir zum Abschluss des Vortrages ausführen
möchten.
Die
Unterscheidung zwischen dem Computer als Tool und dem Computer als Medium
trifft man häufig an. Ausgehend vom Modell der Zeit-Synthesen stellt sich die
Frage, ob wir den Unterschied am Grad der intellektuellen Arbeit festmachen
können. Als Kunstproduzentinnen muss es uns dann darum gehen, diese
intellektuelle Arbeit oder Bewusstseins-Arbeit bei den UserInnen anzuregen. Und
wie können wir das erreichen? Der umgekehrte Prozess, wie pflanzen wir den
Maschinen die Instruktionen ein, wie Fragmentieren und Verräumlichen wir unsere
intellektuelle Arbeit, darüber wäre nachzudenken. Als Frage: müssen wir dabei
die Maschinen simulieren?
Und wie
kann unsere intellektuelle Arbeit, unsere Bewusstseinsarbeit, das heisst, die
inhaltliche Auseinandersetzung, in diese Interaktion der UserIn mit der
Maschine einfliessen? Oder einfach gefragt: was simulieren die Maschinen? Weil
eine Arbeit mit interaktiven Medien nicht nur ein Prozess der Produktion von
Seiten der KünstlerInnen ist, sondern das Werk durch die Interaktion der
UserInnen erst entsteht, stellt sich die Frage nach den
Transformationsprozessen: Zeitsynthesen werden in der Produktion verräumlicht
und in der Interaktion simuliert. Die Handlung, die aus der Handlungsfähigkeit
der Synthesen erfolgt, ist nicht beliebig, sondern eingebetet in die
verräumlichte Bewusstseinsarbeit der ProduzentInnen. Handlung und
Transformationsprozesse müssten in diesem Kontext genauer untersucht werden. Im
Rahmen unseres Projektes interessiert uns besonders, wie die Handlung selbst
bewusst gemacht werden kann. Wir vermuten, dass dabei diese
Transformationsprozesse eine wichtige Rolle spielen.
Haraways
Cyborg
Um
nochmals auf Haraway und ihre Cyborg zurück zu kommen. Vor fast 20 Jahren
formulierte sie ihre Cyborg-Politik:
„Schreiben ist die bedeutendste Technologie der Cyborgs,
der geäzten Oberflächen im ausgehenden 20. Jahrhundert. Cyborg-Politik
bedeutet, zugleich für eine Sprache und gegen die perfekte Kommunikation zu
kämpfen, gegen das zentrale Dogma des Phallogozentrismus, den einen Code, der
jede Bedeutung perfekt überträgt. Daher besteht Cyborg-Politik auf dem Rauschen
und auf der Verschmutzung und bejubelt die illegitime Verschmelzung von Mensch
(Anm. C.v.R. im Original: Tier) und Maschine.“(14)
Das
Modell der Zeit-Synthesen von Bergson/Lazzarato bietet die Möglichkeit, eine
Verbindung von komplexen Kreaturen mit komplizierten Maschinen auf der zwar
codierten, aber nicht-perfektion Kommunikation zu denken. Wie wir heute
feststellen können, ist diese ‚verschmutzte’
Kommunikation Teil der gelebten Wirklichkeit, auch wenn die Codierung des
Menschen parallel dazu existiert, vielleicht mit den Biotechnologien gar im
Fortschreiten begriffen ist.
Anmerkungen:
1) Donna Haraway:
Ein Manifest für Cyborgs. In: Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen.
Frankfurt a.M. 1995 – S. 33
2)
Norbert
Wiener: Untertitel seines Buches zur Kybernetik.
Kybernetik. Regelung und
Nachrichtenübertragung im Lebewesen und in der Maschine.
Düsseldorf 1948.
3) Zitiert
nach:
Evelyn Fox Keller: Das Jahrhundert des Genes. Frankfurt a.M. 2001 –
S.76
4) Zitiert
nach:
Floarianne Köchlin: Die Erfindung des Käfigtigers. In: WoZ Nr. 5,
31.Januar 2002
http://www.woz.ch/wozhomepage/Gentech/genpat5j02.html
5)
Barbara Duden: Meine Gene und ich. In: Rheo Steiner (Hg.):
genpool. Wien 2002 – S. 77
6)
Critical Art Ensemble: Cyborgs
& Designerbabies. Flesh Machine: Die biotechnologische Revolution. Wien
1998
7)
Hans Peter Weber: Kreatur im/als Kopf | Als
Kreatur denken | Die Kreatur denken. (unveröffentlicht)
8) MEMES#IO: http://www.memes-io.net/
9) Stelarcs
Site: http://www.stelarc.va.com.au/
10) Dominik Landwehr:
Technologie als Weiterführung des Körpers. Ein Gespräch mit dem australischen
Medienkünstler Stelarc. Telepolis 1998
http://www.heise.de/tp/deutsch/html/result.xhtml?url=/tp/deutsch/inhalt/co/2336/1.html&words=Stelarc
11)
Maurizio Lazzarato:
Videophilosophie. Zeitwahrnehmung im Postfordismus. Berlin 2002 – S. 25
12) Bill Viola: Going Forth by Day. Hg:
Deutsche Guggenheim. Berlin
2002 – S. 100
13)
Zitiert nach Lazzarato – S. 28
14)
Haraway - S. 65